Kultur : Haus der sieben Tafeln

MICHAEL S.CULLEN

Könnte man das Wort "historisch" steigern, müßte dieses Haus als das "historischste" Berlins gelten; nicht weniger als sieben Tafeln an der Straßenfront bezeugen die vormalige Anwesenheit bedeutender Personen: Carl Friedrich Zelter, Christoph Friedrich Nicolai, Theodor Körner samt Eltern, Eliza von der Recke und Johann Ernst Gotzkowsky.An der Klingeltafel steht der Name eines ehemaligen Mieters, des "Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege" - doch dieses ist zum größten Teil im Frühjahr 1998, widerwillig, nach Wünsdorf verzogen.Das Haus Brüderstraße 13 ist ein wahrhaftiger, waschechter Altbau, dessen Bedeutung nicht hoch genug bemessen werden kann.Wenn jedoch nicht bald etwas passiert, wird es aus dem Stadtbild verschwinden.

Die Straße ist alt, doch bezeugt wird ihr Name erst 1652; dort wohnten die "Barmherzigen Brüder", - Dominikaner - deren Kloster und Kirche neben dem Schloß lagen.Im späten Mittelalter war die Brüderstraße eine von nur drei Straßen, die beidseitig bebaut waren.Bis zum Zweiten Weltkrieg zählte die Straße 45 Häuser, darunter die alte Dompropstei.Noch ehe die Landeskollegien (Ämter) zur Lindenstraße (in das heutige Berlin-Museum) zogen, nach 1735, hatten auch sie hier ihren Platz, unweit des Schlosses.Diese Straße war so wichtig, daß im Jahre 1690 ein Bild von ihr in eine Sammlung der wichtigsten Punkte Berlins eingereiht wird.

Von dem Haus, um das es uns geht, wissen wir, daß seine ältesten Teile bis ins 17.Jahrhundert datiert werden können, vielleicht noch weiter, denn es soll damals einen Brand gegeben haben, und bei den darauffolgenden Arbeiten stieß man auf mittelalterliche Bauteile.Heute steht der Komplex fast leer.Das Haus gehört der Stadt Berlin.Der erste Besitzer war ein kurfürstlicher Leibarzt namens Böttcher, ab 1644 geht es an den kurfürstlichen Küchenschreiber Heinrich Julius Brandes.1674 scheint die Anlage schon erweitert worden zu sein.1709, im selben Jahr, in dem König Friedrich I.fünf Stadtteile zu Berlin zusammenlegte, wird das Haus ersteigert von dem Ratskämmerer Johann Vollrath Happach, der es für denselben Preis an den Generallieutnant Finck von Finckenstein weiterverkauft.Am 1.Mai 1710 erwirbt es der königlicher Pächter Richard Schönebeck, der es aufstockt.Spätere Besitzer: seit 1719 Charlotte Luise von Knyphausen; 1747 bis 1773 der "Patriotische Kaufmann" Johann Ernst Gotzkowsky - man vermutet, daß er hier mit dem russischen General von Todtleben erfolgreich über den Abzug der Truppen verhandelte.1773 ist das Haus nicht mehr Eigentum Gotzkowskys, sondern wird versteigert an den Domherrn Otto Friedrich von Bredow, der es an den Kaufmann Johann Christoph Roitzsch veräußert.Erst 1788 kauft es der Verleger und Buchhändler Christoph Friedrich Nicolai."Für das ganze Grundstück 30 000 Thaler, Schlüsselgeld 500 Thaler, mitverkaufte Mobilien 2000 Thaler, summa 32 500 Thaler".

Nicolai macht die Adresse Brüderstr.13 zu dem großen Haus des Geistes, für das sie heute berühmt ist.Er hat wieder umbauen lassen - von keinem geringeren als dem Maurermeister (und Singakademiegründer) Carl Friedrich Zelter.Nach einer zeitgenössischen Darstellung "wurden dabei aus einem einzigen Speisesaal vierzehn verschiedene Piècen (Zimmer) gemacht.Dennoch blieben noch drei Säle übrig, für die Bibliothek, für die Musikaufführungen und für die Geselligkeit." Nach Nicolais Tod am 8.Januar 1811 geht das Haus über in das Eigentum seines Schwiegersohnes; Nicolais acht Kinder haben ihn nicht überlebt.Der Verlag wird weiterhin von dort geführt.Das Berliner Adressbuch von 1859 meldet, daß in der Brüderstr.13 ein Cellist, ein Lehrer für englische Sprache, ein Strohhutfabrikant, ein Stuben- und Schildermaler, ein Prediger an der Nicolaikirche wohnten; es gab auch Seidenwarenhändler en gros.Nur einer von ihnen wurde berühmt: Leopold Ullstein, der seit 1848 im Hause mit Papier handelte.

1860 gehen Verlag und Buchhandlung Nicolai in das Eigentum des Verlegers Fritz Borstell über, doch der Name Nicolai bleibt ein Teil des Geschäfts.Erst 1892 wird das Haus verkauft, Buchhandlung und der Verlag ziehen aus, nicht jedoch deren sonstige Bewohner.1910 zieht das Lessing-Museum ins Haus - es belegt das ganze erste Stockwerk des Vorderhauses und einige Zimmer in den Seitenflügeln.Da sie im wesentlichen von wohlhabenden Berliner Juden getragen wurde, mußte diese Einrichtung 1936 schließen; das Inventar wurde dem städtischen Museum im Ermelerhaus und der Stadtbibliothek einverleibt.

Was zwischen 1936 und 1950 passiert ist, bleibt noch Gegenstand der Forschung.Nach 1950 wurde der Hof für Konzerte benutzt; um 1965 siedelte dorthin das Amt für Denkmalpflege der DDR - und nach der Wende das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege.1979 erhielt das Haus einen neuen Anstrich, was einen Bericht in der DDR-Zeitschrift "Denkmalpflege" wert war.Ausgerechnet dieses Haus ist der Verwahrlosung preisgegeben.Wie lange noch?

Nicolai war mit Moses Mendelssohn und Gottfried Ephraim Lessing befreundet.Doch ihre Gespräche haben gewiß nicht im Hause Brüderstraße 13 stattgefunden: als Nicolai das Haus kaufte, 1788, waren Mendelssohn und Lessing tot.Gleichwohl war hier ein Ort des Geistes, in allen Räumen.16 000 Bände zählte die Bibliothek.Nicolai beherrschte mehrere Sprachen, übersetzte Homer aus dem Griechischen und andere Autoren aus dem Französischen.Die meisten seiner Buchbesprechungen - die "Allgemeine Deutsche Bibliothek" - sind in diesem Haus entstanden.Zweifelsohne: Das Haus Brüderstraße 13 ist Geschichte pur.Was läge näher, als es ins Stadtmuseum zu integrieren?

Bis vor kurzem haben einige Interessenten ihre Ansprüche angemeldet: abgesehen von der letzten Familie, die das Haus vor 1936 bewohnte, sind darunter das Bezirksamt Mitte (es wollte ein Standesamt daraus machen) und die Stiftung Stadtmuseum Berlin, welche dringend zusätzliche Ausstellungsfläche benötigt.Dieser Wunsch bestand bereits seit 1996, heute ist der dringender denn je: seitdem nämlich der Libeskindbau ausschließlich für das Jüdische Museum vorgesehen ist.Der Generaldirektor der Stiftung Stadtmuseum Berlin hat präzise Vorstellungen über die Räumlichkeiten und ihre künftige Nützung.Sein Konzept liegt dem Senat seit längerem vor.Dazu gehört, daß sowohl Lessing als auch Nicolai mit Räumen bedacht werden sollten.

Warum es so lange dauern muß, bis eine Entscheidung zu Gunsten dieser Nützung getroffen wird, ist unverständlich.Interessant ist jedoch nicht die Suche nach einem Schuldigen: Es gilt, gerade bei diesem Exempel eines historischen Hauses, den Blick nach vorn zu richten.

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