Kultur : "Haus der Technik": Baustelle Lenin

Caroline Fetscher

Essen und Zechen, das hatte in dieser Region weniger mit Genuss zu tun als mit Schloten und Industrie. Essen heißt die Stadt, in der an diesem Wochenende zum Thema "Lenin" getagt wurde, im 1922 erbauten "Haus der Technik", am Bahnhof neben der Einkaufszone. Hier im Ruhrpott haben sich einst die klassischen Arbeiter organisiert, und der klassische Kapitalist beutete aus. Übersichtlich war die Welt, wie unter einer kleinen, gläsernen Souvenirkuppel.

Das Glas ist kaputt, die Miniaturwelt explodiert. Freizeitparks entstehen auf stillgelegten Zechen. Wer einst unter Tage schuftete, wird mit Glück Museumsguide, die Jüngeren lernen Computerprogramme und versuchen sich als Kleinaktionäre der New Economy im globalen System.

So ist es. Weltweit hält nicht nur ein neuer Kapitalismus Einzug, sondern auch dessen Triumph. Aber - schon zehn Jahre nach der Auflösung des "Ostblocks" fühle sich dieser Triumph hohl an, sagt ein Redner im "Haus der Technik". Darum sei man hier, um zu fragen, ob es doch Alternativen gebe. Was wäre eine Gesellschaft ohne Kapitalismus? Wie sähe ein Plan aus, die mythisch gewordene, nur noch in der Werbesprache vorkommende, "Revolution" neu zu denken? Unter dem Motto "Gibt es eine Politik der Wahrheit - nach Lenin?" steht die Tagung, zu der das Kulturwissenschaftliche Institut Essen eingeladen hat. Organisiert hat sie ein Popstar der Akademiker, der slowenische Philosoph Slavoj Zizek. "Sofort bekommt man zu hören, dass es zum Gulag führt, wenn man sich eine andere Gesellschaft wünscht", sagt Zizek, für den "Lenin" eine Metapher des Umbruchs ist, eine Lern- und Baustelle. Lenin! Offenbar erschreckt von dem kühnen Thema hatte der Institutsdirektor die Website mit "Zi"zeks Text zur Tagung gekürzt ohne den Philosophen zu informieren, der bis zum Frühjahr Gast der renommierten Institution ist. Angst vor Lenin? Vor den Sponsoren? Unnötig.

Zum Auftakt bekräftigt Zizek im Hörsaal vor etwa hundert Besuchern, dass keiner hier undemokratisch sei. Nicht Steine, Gedanken sollen geworfen werden, und verworfen, drei Tage lang. Und drei Tage lang durchquert man den Timetunnel zwischen Kommunismus und Konsumismus mehrfach in beide Richtungen. Während vor dem Hörsaal ein paar blasse Spartakisten ihre Schriften feilbieten, entfalten drin abwechselnd strenge Lenin-Exegeten neben postmodern geschulten Denkern ihre Theorien.

Wie sich Lenins Denken im Ersten Weltkrieg durch die Lektüre Hegels veränderte, den er damals am Zürichsee studierte, erzählt Eustache Kouvelakis von der Universität Wolverhampton. Fredric Jameson, luzider Kritiker der Postmoderne, erläutert die Gefahren des Revisionismus - am Beispiel der Freud-Abweichler Jung und Adler. Antonio Negri ist nicht erschienen, aber eine Standleitung zu dem italienischen Denker ist geschaltet, und das Schauspiel des wild gestikulierenden Zizek wird geboten, der in einer Hand einen Telefonhörer am Ohr halten muss.

Kurz sind die Pausen, Disziplin wird verlangt, will man gut 16 Vorträge an einem Wochenende unterbringen und alle Herren zu Wort kommen lassen - nur eine weibliche Rednerin gibt es. Auch fehlt jeglicher Vertreter der "affirmativ" gescholtenen Schulen von Rorty oder Habermas. Gleichwohl, ein Gewerkschafter aus Manchester hofft: "Hier wäre das theoretische Pendant zu Seattle möglich!" Seattle ist der Code für eine neue Bewegung gegen das Globalkapital. Doch kaum einer kennt sich aus mit dem bunten Netzwerk widerständiger Aktionsgruppen, die Wirtschaftsgipfel und Weltbankkongresse stürmen, um den Warenkosmos wachzurütteln. Doug Henwood, Buchautor und Redakteur des "Left Business Observer" kennt "Seattle" besser. Sein Vortrag in der Sektion "Was tun?" ist so brillant wie für manche bitter. "Die jungen Leute würden keine Minute Geduld für Ihre Ausführungen aufbringen", erklärt Henwood amüsiert. Und wohl kaum würden die per Internet und Handy organisierten Aktivisten sich der Parteidisziplin eines Lenin unterwerfen. Viel Applaus. Zizek freut sich. In Wahrheit ist Slavoj Zizek ein Liberaler, argwöhnen zwei radikale Belgrader, zu Hause in Slowenien sei er das jedenfalls, das wüssten sie, die das Volk verteidigen.

Nach dem Volk fragt Robert Pfaller von der Universität Linz in seinem Beitrag über "Asketische Ideale und reaktionäre Massen". Warum will "das Volk" so oft ausgerechnet jene wählen, die vom Gürtel-enger-schnallen reden? Durch Verzicht steigt man in der eigenen Achtung, und dieser "traurige Lustgewinn" macht für solche Propaganda anfällig. Ähnlich könnte es sich doch, mutmaßt der junge Philosoph dann, mit den Linken verhalten, die sich in das Scheitern ihrer Ideen verliebt haben? Protest. Disparate Stimmung. Und Zizek freut sich. Das habe er gewollt, sagt er gegen Ende, "dass die Konferenz scheitert!" - um Nachdenken zu provozieren. Im Schlusswort beschwichtigt der Moderator: "Sicher hat niemand von uns erwartet, dass wir nach der Tagung das Winterpalais stürmen."

Lenin selbst hielt übrigens wenig von Intellektuellen. "Niemand wird zu leugnen wagen", schrieb er 1904, "dass die Intellektuellen als besondere Schicht der modernen kapitalistischen Gesellschaft im großen und ganzen gekennzeichnet sind durch Individualismus und die Unfähigkeit zu Disziplin und Organisation (...). Hierdurch unterscheidet sich diese Gesellschaft ungünstig vom Proletariat, darin besteht eine der Erklärungen für die Schwächlichkeit und Wankelmütigkeit der Intellektuellen."

Draußen liegt Schneematsch, als alle das "Haus der Technik" verlassen. Bald, wenn die Bäume grün werden, findet sich hier eine andere Runde ein. Das "Frühjahrsmeeting 2001 der Automobilzulieferer" befasst sich dann mit der "Globalisierung der Märkte" und mit dem Weg "vom traditionellen Einkauf zum Supply Management". Viel gibt es noch zu tun, bis die Neue Welt entsteht. Doch ob mit oder ohne Lenin, die Intellektuellen lernen, und "Seattle" wächst.

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