Kultur : Haus Huth: Demnächst Demokratie

RoB

Im Grunde funktioniert das Weinhaus Huth, das letzte und erste Haus am Potsdamer Platz, wie ein Museum. Jedenfalls der vierte Stock des Hauses, wo sich die Sammlung DaimlerChrysler präsentiert. Als 1977 der Aufbau einer Sammlung beschlossen wurde, war die öffentliche Zurschaustellung schon Teil des Konzepts. Seitdem kamen nicht nur die Unternehmensangestellten oder Besucher der Stuttgarter Konzernkantine in den Genuß der Kunst, sondern auch Museumsbesucher. In der Ausstellung "Geometrie als Gestalt" etwa in der Neuen Nationalgalerie konnten die Berliner bereits einen Ausschnitt der vornehmlich abstrakten 600 Werke begutachten.

Bei den Neuerwerbungen der neunziger Jahre im Weinhaus Huth kann man sich nun von dieser Ausrichtung überzeugen: Imi Knoebel, Rupprecht Geiger und Daniel Buren stehen für die postkonstruktivistische Variante der Abstraktion. Nam June Paiks Videoskupltur oder Martin Kippenbergers Gemälde gehen mit der Abstraktion dafür spielerisch um. Während Geigers glutrote Acrylfarbenscheibe den Besucher in metaphysisch-meditative Sphären zwingt, erzielt die Betrachtung der bunt-flackernden Monitore von Paiks Wandskulptur "Mars" eher hypnotische Wirkung.

Beide Positionen umreißen den weiten Horizont von Abstraktion in der Sammlung DaimlerChrysler. Ihr Kurator Hans J. Baumgart durfte beim Aufbau der Kollektion wie ein privater Sammler vorgehen, was ihren Charakter prägte. Der modische Zeitgeist der Neunziger fehlt völlig, weder Pop noch Trash noch politisch korrekte Konzeptkunst sind dort zu finden. Vielmehr setzt der Kurator in die Gegenwart fort, womit er in den Siebzigern begonnen hatte. Neben den Altmeistern wie Geiger oder Etablierten wie Förg finden sich daher auch junge Abstrakte: Monika Brandmeier zeigt einen lakonischen Stahlblechring, Harald Braun präsentiert seinen auf grüner Wolldecke aufgebrachten Betonkreis, und Pietro Sanguineti läßt es in einem Dialeuchtkasten mit integriertem Laufdisplay flackern.

Zwei Georgier akzentuieren diesmal die gegenstandslose Welt. Während Gia Edzgveradze mit seinen Krakeln nach einem Sinn der Zeichengestalt ohne alphabetische Bedeutung sucht, malt seine Frau Tamara K. E. fast realistische Szenen, denen sie Zeitungsbilder zugrunde legt. Einige ihrer Bilder bleiben dem Weinhaus Huth erhalten. Im Treppenhaus wird den Besucher das Bild einer typischen Büropflanze empfangen. Darauf prangt das Platon-Zitat: "Next comes democracy. That is our method." Das Bekenntnis wird allerdings relativiert, sobald man sich beim Aufgang auf der Treppe den Volksmassen auf einem anderen Bild der Georgierin nähert. Denn je näher man den Menschen kommt, desto mehr lösen sie sich auf in abstrakte Farbflecken.

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