"Haus ohne Dach" von Soleen Yusef : Eine Frage von Heimat

Das deutsche Kino kreist immer noch um die eigene Vergangenheit. Es braucht Input von außen - von Künstlern wie der deutsch-kurdischen Regisseurin Soleen Yusef. „Haus ohne Dach“ läuft auf dem Arabischen Filmfestival Berlin.

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Unsentimental. Soleen Yusef, geboren 1987 im nordirakischen Kurdengebiet.
Unsentimental. Soleen Yusef, geboren 1987 im nordirakischen Kurdengebiet.Foto: Mike Wolff

In den vergangenen Jahren hat sich die deutsche Filmkritik angewöhnt, kurz vor der alljährlichen Oscar-Zeremonie die amerikanischen Debatten um den Mangel an kultureller Vielfalt in Hollywood hämisch zu kommentieren. Dabei könnte man durchaus auch mal die einheimische Filmproduktion kritisch in den Blick nehmen. Jahrelang galt hierzulande der in Hamburg geborene Fatih Akin als „Vorzeige-Türke“ des deutschen Kinos. Man konnte die Erleichterung förmlich spüren, als mit Bora Dağtekin und dem tunesischstämmigen Österreicher Elyas M’Barek zwei neue nicht-deutsche Namen mit dem hiesigen Kino in Verbindung gebracht wurden. Auch wenn das „Fack ju Göthe“-Phänomen anfangs keiner richtig ernst nehmen wollte.

Gut, seitdem hat sich einiges getan. In diesem Jahr waren Anne Zohra Berrached („24 Wochen“) und Asli Özge („Auf Einmal“) für den Deutschen Filmpreis nominiert, an der Peripherie des Kinos tauchen vielversprechende Namen auf wie Burhan Qurbani („Wir sind jung. Wir sind stark“), Uisenma Borchu („Schau mich nicht so an“) und, schon etwas länger dabei, Tarek Ehlail („Gegengerade“). Aber wie sieht es eigentlich mit dem Nachwuchs aus?

Soleen Yusef verdreht auf die provokant gemeinte Frage nach jungen deutschen Filmemacherinnen „mit Migrationshintergrund“ theatralisch die Augen. „Sorry, darauf habe ich überhaupt keinen Bock,“ antwortet sie nach kurzer Überlegung. „Ich würde auch nie ein Filmangebot annehmen, wenn ich merke, dass meine Herkunft dabei eine Rolle spielt.“ Als Stimme einer neuen Generation von Filmemacherinnen lässt sich die 29-jährige Deutsch-Kurdin also nicht vereinnahmen, dafür ist ihr erster Langfilmdebüt „Haus ohne Dach“ zu spezifisch in seiner Geschichte und Geografie. Vielleicht will sie sich aber auch nicht auf ihre Herkunft festnageln lassen, gerade weil dieses Thema so präsent ist.

Zerrissen zwischen Deutschland und dem Irak

„Haus ohne Dach“, der am Sonntag und am Dienstag im Rahmen des Arabischen Filmfestivals läuft, handelt von einer kurdischen Familie, die zwischen Deutschland und ihrer Heimat in der irakischen Provinz zerrissen ist. Nach dem Tod des Vaters entscheidet die Mutter, dass es Zeit ist zurückzukehren – zum Unwillen ihres Sohnes Alan (Murat Seven) und Tochter Liya (Mina Sadic), die sich in Stuttgart eine – wenn auch prekäre – Existenz aufgebaut haben. Er lebt von Gelegenheitsjobs, sie von der Musik. Nur der älteste Sohn Jan begleitet die Mutter. Die Situation ändert sich, als die Mutter stirbt und ihren Kindern den Wunsch hinterlässt, neben ihrem Mann, der im Kampf gegen das Regime Saddam Husseins fiel, begraben zu werden. Die ungleichen Geschwister treffen sich im Irak, um ihre Mutter zu beerdigen, aber persönliche Konflikte und eine unausgesprochene Familiengeschichte, die eng mit der Geschichte der Kurden im Irak verflochten ist, machen das letzte Geleit zu einer Bewährungsprobe.

„Haus ohne Dach“ ist kein biografischer Film, aber natürlich finden sich darin Spurenelemente ihrer eigenen Familiengeschichte. Yusef wurde 1987 in der nordirakischen Stadt Dohuk, in der Autonomen Region Kurdistan, geboren. Der Vater floh Mitte der neunziger Jahre über die gefährliche Mittelmeerroute nach Deutschland, die Familie holte er ein Jahr später nach. Da war Soleen neun Jahre alt. Ihre früheren Leben ließen sie zurück. Die Mutter arbeitete in einer Anwaltskanzlei, der Vater in der Ölbranche. Zuletzt reiste Soleen Yusef wieder regelmäßig in den Irak, manchmal berichtet sie für deutsche Medien aus der Krisenregion.

Als sie „Haus ohne Dach“ drehte, hatte der IS gerade Mossul erobert. Der Krieg war nur wenige Kilometer entfernt. „Obwohl ich fast jedes Jahr dort bin“, erinnert sich Yusef, „war meine Auseinandersetzung nie so intensiv wie während der Dreharbeiten. Man kann sich kaum frei bewegen, an jedem Ort gibt es Checkpoints. Der Krieg ist allgegenwärtig, aber das Leben geht weiter. Wenn man über Generationen unter diesen Umständen lebt, bekommt man einen anderen Bezug dazu, so tragisch das klingt.“

Viel Persönliches steht auf dem Spiel

All das gilt es zu berücksichtigen, will man „Haus ohne Dach“ gerecht werden, der Yusefs Debüt- und gleichzeitig ihr Abschlussfilm an der Filmakademie Baden- Württemberg ist. Man merkt dem Film an, dass für die Regisseurin viel Persönliches auf dem Spiel steht. Manche Szenen sind zu lang, einige Kamerafahrten geben einen typischen Blick auf die karge Schönheit der irakischen Landschaft preis, die privaten Konflikte sind politisch aufgeladen. Dennoch kommt Yusefs sachliche Inszenierung ohne sentimentales Ornament aus. „Haus ohne Dach“ gewann im letzten Jahr den First Step Award als bester Abschlussfilm an einer deutschen Filmhochschule. Man kann die Entscheidung der Jury nachvollziehen, denn trotz eines Hangs zur erzählerischen Konvention, der paradoxerweise aus einem gesunden Selbstbewusstsein der eigenen Fähigkeiten zu resultieren scheint, ist dieser Versuch eines Unterhaltungskinos mit politischem Anspruch ein nötiger Impuls für das deutsche Kino, dessen Geschichtsbewusstsein bislang ausschließlich um die eigene Vergangenheit kreist.

Kurdistan ist ein eigenständiger Charakter des Films

„Kurdisches Kino ist meist politisches Aufarbeitungskino“, erzählt Yusef, die heute wieder in Kreuzberg lebt, wo sie als Teenager aufwuchs. „Darauf habe ich keine Lust. Das nervt selbst viele Kurden, die wollen auch mal andere Geschichten sehen.“ In Dohuk, wo „Haus ohne Dach“ im vergangenen Jahr auf einem Filmfestival lief, kam der Film gut an, obwohl Yusef zunächst befürchtete, dass er dem kurdischen Publikum „zu deutsch“ sei. „Ich wollte das Schicksal eines Landes erzählen. Kurdistan ist ein eigenständiger Charakter meines Films: seine Landschaften, Farben, Poesie, Musik. Viele kurdische Filmemacher, gerade wenn sie im Ausland leben, sind sich noch gar nicht im Klaren darüber, wie wichtig ihre Filme in 10 oder 20 Jahren sein werden. Sie gehören einmal zum kurdischen Kulturgut.“

Die Geschwister in „Haus ohne Dach“ müssen die Frage der Heimat noch unter sich aushandeln. Ihr eigenes Verständnis von Heimat habe sich in Deutschland verändert, sagt Yusef am Ende des Gesprächs. Und dass sie es gut findet, wenn Kurden ihre neue, von der Diaspora geprägte Identität wieder in die kurdische Gesellschaft einbringen. Das gilt auch umgekehrt. Das deutsche Kino ist auf Input dieses „neuen Deutschlands“, das Soleen Yusef repräsentiert, angewiesen.

Die achte Ausgabe des Arabischen Filmfestivals läuft noch bis zum 7. April in den Kinos Eiszeit, Arsenal, fsk und City Kino Wedding im Centre Français de Berlin. Zu den Höhepunkten gehören die Dokumentarfilme „The War Show“, „Speed Sisters“ und „Clash“. Die Retrospektive ist dem ägyptischen Regisseur Shadi Abdel Salam gewidmet. „Haus ohne Dach“ von Soleen Yusef wird am 2. April um 20 Uhr im Eiszeit und am 4. April um 19 Uhr im City Kino gezeigt. Das komplette Programm unter www.alfilm.de.

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