Haus-Rucker-Co im Haus am Waldsee : Die Kugel der Propheten

Warum eckig und praktisch bauen? Die Schau „Architekturutopie Reloaded“ erinnert im Haus am Waldsee an die Gruppe Haus-Rucker-Co.

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Hausen in Blasen. Connexion Skin, 1967/68.
Hausen in Blasen. Connexion Skin, 1967/68.Foto: Haus-Rucker-Co/Gert Winkler

Die Erde ist rund, ein Zimmer eckig. Und weil beide Formen so schlecht zusammenpassen, kommt es immer wieder zur Kollision. Sie findet zwar mehr in den Köpfen als im wirklichen Leben statt, produziert aber Bilder, an denen sich im Idealfall eine ganze Generation berauscht: Die Architektur verliert darin ihre Festigkeit. Das Eckige geht im Runden auf, und Räume dehnen sich zu Blasen, denen es im Haus zu eng wird. Also drängen sie aus dem Fenster, stülpen sich aus und bieten ihren Bewohnern nicht bloß zusätzlichen Platz. Sondern auch ungewohnte Blicke auf die Welt da draußen.

So wie 1967 in Wien. Dort fuhr im Auftrag von Haus-Rucker-Co alle Stunde einmal ein gigantischer PVC-Ball aus dem Fenster eines Hauses, umschloss und präsentierte ein Paar – und dem Paar auf schwankendem Sitz die Apollogasse in zehn Metern Höhe. Dokumente dieser Intervention finden sich derzeit im Haus am Waldsee, das in seiner Ausstellung „Architekturutopie Reloaded“ noch einmal auf die radikalen Visionen von Haus-Rucker-Co schaut.

Frische Ideen von Haus-Rucker-Co

Vier Jahrzehnte zurück reichen die Ideen des Kollektivs aus einem Künstler und drei Architekten und sind dennoch erstaunlich frisch. Wo heute im Büro Ortner & Ortner, das aus der utopistischen Gruppe hervorgegangen ist, Bauten wie das ARD-Hauptstadtstudio Berlin oder die neue Sparkasse in der Bonner Innenstadt entstehen, dachte man damals nicht in Stein und Vorhangfassade. Lieber fragten sich die österreichischen Architekten Laurids und Manfred Ortner, Günter Zamp Kelp und der Maler Klaus Pinter, ob Wohnen wirklich so sein muss, wie es die Praxis seit der Moderne suggeriert: sachlich, praktisch, kubisch.

Ihre viralen Interventionen wirkten wie eine Droge. Die Farben im Raum wurden plötzlich intensiver, aus dem Boden erhoben sich riesige Finger als Wegweiser, und in den pneumatischen Luftarchitekturen der späten sechziger Jahre schwebten Menschen in transparenten Kugeln wie auf unsichtbaren Balkonen. Konstruktionen aus Metall sorgten für die notwendige Stabilität, aber visuell überformt waren die Zugeständnisse an die Schwerkraft von den kraftvoll visionären Images einer schönen, neuen, kantenlosen PVC-Welt. In der Ausstellung, die sich großzügig aus dem Berliner Archiv von Ortner & Ortner speist, folgen Entwürfe, Collagen und kurze Filme auf Modelle und Dokumente diverser Projekte – so schwindelerregend schnell, dass man oft nicht weiß, was davon reines Gedankengebäude war und welche Ideen verwirklicht wurden.

Flankiert wird das Material von temporären Skulpturen, die die Blasenarchitektur noch einmal auferstehen lassen. Kraft heißer Luft und erzeugt von Apparaten, deren leises Brummen zum Grundton einer Zeitreise wird. Dazu passen die halb durchsichtigen, halb neonfarbenen Anzüge, die das Kollektiv ebenfalls entwarf. Ein Foto zeigt eine schmale Lady im Overall „Electric Skin“ (1968), der einen elektronisch auflud. Ihre Brille à la Hornisse zeigt ähnlich den Helmen „Fliegenkopf“ oder „Blickzerstäuber“, was Haus-Rucker-Co in dieser frühen Phase beflügelte: Es waren die technischen Errungenschaften der Zeit, gekoppelt an Raumfahrt, die erste Mondlandung 1969 und eine Space-Techno-Ästhetik, die die gesamte Gesellschaft erfasste.

Das ändert sich radikal in den frühen Siebzigern. Für die Gruppe, die inzwischen nach Düsseldorf umgezogen war, drängten andere Themen in den Vordergrund. Nun ging es um Gefahren, drohten Luftverschmutzung und Umweltzerstörung. Dabei erwies sich das erprobte Instrumentarium wiederum als hilfreich, auch wenn Haus-Rucker-Co parallel eine neue architektonische Sprache entwickelte. Wie ein letzter Gruß aus unbeschwerten Tagen wirkt das Krefelder Projekt von 1971, in dem eine große, weiße Traglufthalle die von Ludwig Mies van der Rohe erbaute Villa „Haus Lange“ umhüllt und wie ein autarkes System von außen beatmet. Wer die Luft weiterhin verpestet, schien die Botschaft dieses Menetekels, der kann bald bloß noch in künstlichen Kugeln überleben.

Haus-Rucker-Co wurden mehrfach zur Documenta eingeladen

Für solche Aktionen gab es viel Resonanz. Haus-Rucker-Co wurde mehrfach zur Documenta nach Kassel eingeladen und entwarf etliche temporäre Architekturen. Manches davon ist verschwunden, anderes wie der „Rahmenbau“ in Kassel von 1977 noch zu sehen. Dafür errichteten die Architekten an der Karlsaue einen Gitterrahmen, der die Parklandschaft mit der Orangerie in den Blick nimmt und nahelegt, dass solche Motive bald ein Fall fürs Museum sein könnten. Ebenso auffallend ist das harte Material, sind die Kanten und Winkel, mit denen die Gruppe inzwischen arbeitet. Sie feiert Abschied von der Utopie und damit auch von ihren „Mind-Expander Programmen“, in denen es weniger ums Bauen denn um Prozesse ging: Um eine Sensibilisierung für Probleme oder, ganz bildhaft, das Denken in Blasen, das sich ausdehnt, mehr sieht, Globales in den Blick nimmt.

Dafür sind Künstler bis heute empfänglich. Dies zeigt der dritte Teil der Schau und ist ein Grund, weshalb das Haus am Waldsee dieses Kapitel der Architekturgeschichte mit Blick auf die bildende Kunst noch einmal aufklappt. Haus-Rucker-Co löste sich 1992 auf, und auch, wenn es keinesfalls die Vision einer alternativen Architektur für sich allein beanspruchen kann, sondern mit Zeitgenossen wie der britischen Gruppe Archigram oder dem Avantgardisten Richard Buckminster Fuller teilen muss, zehren ein Tomás Saraceno, Olafur Eliasson, Hussein Chalayan oder die Gruppe Raumlaborberlin in ihrer Arbeit sichtbar vom Widerspruchsgeist ihrer Vorgänger.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 22.2.2015, Di-So 11-18 Uhr

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