Kultur : Haus und Verhüter

Deborah Colker zu Gast beim Ballett der Komischen Oper Berlin

Sandra Luzina

Ein Haus für den Tanz: konzipiert und gebaut wurde „Casa“ in Rio de Janeiro, vorübergehend eingezogen ist nun das BerlinBallett der Komischen Oper. Mit dieser Premiere demonstriert das Tanzensemble für sein Bleiberecht, denn in ihrem Haus an der Behrenstraße stehen die Zeichen eher auf Abbruch. Der künftige Intendant Andreas Homoki hat schon duchblicken lassen, dass er das Ballett zur Dispostion stellen will. Und in einem Positionspapier, das Homoki zusammen seinem musikalischen Leiter Kyrill Petrenko und dem Noch-Intendant Albert Kost erarbeitet hat, ist von einer eigenständigen Tanzsparte schon gar nicht mehr die Rede.

Die Ballettdirektorin der Komischen Oper, Adolphe Binder, hat sich in Krisenzeiten durch ihren Kampfgeist und ihr leidenschaftliches Engagement für den zeitgenössischen Tanz hervorgetan. Nachdem die Choreografin Blanca Li im vergangenen Sommer überraschend das Handtuch geworfen hat, ist es ihr nicht nur gelungen, das Ensemble zusammenzuhalten – sie hat Aufbauarbeit geleistet. Ihr Ziel ist ein Ensemble, das in vielen unterschiedlichen Stilen zu Hause ist. Da ist die Truppe auf einem guten Weg. Das junge und dynamische Companie hat sich viel Sympathien erworben. Auch, dass an der Komischen Oper die attraktivsten Boys tanzen, hat sich rumgesprochen. Mit der Einladung der brasilianischen Choreografin Deborah Colker will Binder Optimismus verbreiten.

Der Berliner Version von „Casa“ wurde als Prolog die Uraufführung „Ela“ vorangestellt. Zur Ouvertüre von Ravels Klavierkonzert in G-Dur bleibt die Bühne leer. Das Orchester der Komischen Oper unter Matthias Foremny zeigt sich gut aufgelegt, ja tänzerisch beflügelt. Zu den verinnerlichten Klängen von Gorecki entfaltet sich dann ein Traum von Sinnlichkeit, dem die Trauer um Verlorenes eingeschrieben ist. Ein kahler Baum leuchtet rot vor blauem Hintergrund. Mit zappelnden Beinen schwebt ein blondes Geschöpf über der Bühne, nimmt einen Mann mit auf ihrem Flug. Halb Tier, halb Engel so muten die Kreaturen an, die sich nach einander verzehren. In Duos, Trios und Quartetten werden die Spielarten körperlicher Vereinigung durchdekliniert. Colker setzt auf akrobatische Bravour, ausgetüftelte Körper-Architektur - und erzählt wenig von schmelzender Hingabe und brennender Sehnsucht.

Der Stil-Mix, mit dem sie sich der Sprache des Begehrens nähert, wirkt ein wenig beliebig. Am Ende sitzen die Tänzer träumerisch versonnen auf einer Bank – eine merkwürdige Einstimmung auf den flotten Haustanz. Denn in „Casa“ verbindet Colker kühles Bewegungs-Design mit einer Feier sportiver Energie. Mit dieser Choreografie zieht die globale Videoclip-Ästhetik in die Komische Oper ein. Gringo Cardia hat ein hölzernes Gehäuse mit Türen, Stegen, Leitern, und Sprossenwänden entworfen. Dieses Haus funktioniert als multifunktionale Trimm-dich-Anlage: Fitness und Sex sind die Koordinaten, die das Zusammenleben bestimmen. (wobei auch der Sex wie eine Fitnessübung aussieht). Zu elektronischer Lounge-Musik versammelt sich eine Hedonistenschar. Das schöne einleitende Duo von Murielle Pierron und Oliver Detelich greift das Spiel mit der Vertikalen und Horizontalen auf. Danach geht es drunter und drüber: Die Tänzern klettern, vollführen Klimmzüge, stürzen sich in wagemutig Sprünge.

Sie fallen mit der Tür ins Haus, gehen die Wände hoch. Zu Musik von Mendelssohn zeigt das Ensemble einen Tanz aus rhythmisierten Alltagsbewegungen. Doch nur selten erzählen diese Szenen etwas über ihre Bewohner. Soziale Sensibilität verrät „Casa“ nicht. Die Choreografie bezieht ihren Reiz aus dem Zusammenspiel von Körper und Architektur, auch wenn sich Colker keine radikalen Einsichten emporschwingt. „Casa“ ist Lifestyle-Ballett: schön anzuschauen, unterhaltsam, cool und ein wenig steril.

Die Premiere, zu der auch Kultursenator Flierl erschienen war, geriet für das Ballett der Komischen Oper zum Kraftakt. Das Ensemble präsentierte sich in guter Form, doch künstlerisch stellt sich die Companie mit „Casa“ keinen Wohnberechtigungsschein aus. Mehr ästhetische Risikofreude wünscht man sich für dieses Ensemble, auf dem derzeit viele Hoffnungen ruhen und das aus Berlin nicht wegzudenken ist. Wenn eine Companie es schafft, sich als konsequent zeitgenössisches Ensemble zu profilieren, dann diese. Gelegenheit dazu hat sie: Intendant Kost kündigte eine weitere Premiere für diese Spielzeit sowie drei für 2004 an.

Wieder am 18. und 25. Februar.

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