Kultur : Hausbesetzung

In Saddams Palast: Wo Diktatoren baden gehen oder Vorletzter Akt aus der Geschichte des Tyrannensturzes

Christiane Peitz

24 Karat. So viel Gold, und das auf dem Klo. Seit Montag, seit der Stürmung von Saddams Präsidentenpalästen, hat die Angriffsparole „Shock and awe – Schock und Ehrfurcht“ eine weitere Bedeutung gewonnen. Da stehen sie und staunen: Die britischen Royal Marines recken in Saddams Residenz in Basra die Hälse, nachdem sie das mit edlen Holzreliefs verzierte Tor auf einem gepanzerten Jeep mit aufgepflanztem MG durchstoßen haben. Sie flanieren unter der Prunkdecke von Korridoren und Konferenzsälen Richtung Badezimmer, zählen dortselbst die Waschbecken und bewundern die vergoldeten Bidet-Armaturen.

Derweil tummeln sich die Truppen der 3. Infanteriedivision in der Bagdader Präsidentenresidenz. Man fläzt sich in Brokatsesseln oder auf dem Thron des Diktators, steckt als Souvenir einen Aschenbecher ein und sucht ebenfalls die Privatgemächer auf. Auch hier verschnörkelte Kingsize-Betten mit prächtig geschwungenen Kopfenden, auch hier vergoldete Wasserhähne.

So viel Pomp, so viel Protz. In Saddams Präsidentenpalast am Ufer des Tigris ist es zunächst die schiere Größe: Auf dem Gelände verteilen sich 360 Gebäude samt Pool und Tennisplatz; der Buckingham-Palast, das Weiße Haus und Neuschwanstein würden dort mühelos Platz finden. Im Inneren riesige Kronleuchter, Marmor, Stuck und edles Mobiliar. Lauter Raubgut, was sonst: der Reichtum, der den Irakern gestohlen wurde, während diese ein Jahrzehnt lang unterm Embargo litten. Wenn die Bewohner von Bagdad und Basra sich nun ihrerseits bedienen, wenn sie Saddam-Ölschinken im Goldrahmen mit Füßen treten, Geschirr mitgehen lassen oder auch ein Klavier, wird kein Kriegsgericht ihre Plünderungen ahnden. Das Volk holt sich zurück, was ihm entwendet wurde. Ein Moment der Genugtuung.

Die Erstürmung des Palasts – ein Topos der Vergeltung, ein mythischer Augenblick: Historiker erinnern sich an deutsche Soldaten in Versailles. Zeitgenossen denken an Szenen aus Bukarest nach der Erschießung des Ehepaars Ceausescu im Dezember 1989. Auch der kommunistische Diktator hatte sich einen Palast „des Volkes“ erbaut, der allein angeblich so viel Energie benötigte wie der Rest von Rumäniens Hauptstadt. Und auch dort besichtigte das Volk nach dem Tyrannensturz den Prunkbau, bestaunte die Schuhsammlung (300 Paare) sowie die Pelze von Gattin Elena und eignete sich die Kostbarkeiten qua Versteigerung an: die Geburt der Demokratie aus dem Geist der Auktion.

Diesmal, am Ufer des Tigris, kommt eine andere Anmutung hinzu: Wenn die Briten und Amerikaner die Märchenschlösser aus Tausendundeiner Nacht betreten, ist auch eine Spur der klassischen Orient-Begeisterung des Westens mit von der Partie. Der exotische Ort, dieses Schlaraffenland mit seinen filigranen Arabesken, wird aus der Achse des Bösen herauskatapultiert – der Bann ist gebrochen, der Drache zur zarten Prinzessin entzaubert.

Das Staunen der einfachen Fußsoldaten vor Saddams Reichtum sieht außerdem aus wie eine Antwort auf den 11. September, der ja auch als Racheakt der armen an der reichen Welt gedeutet wurde. Ein trügerischer Eindruck. Denn ist all das wirklich Reichtum und nicht bloß Empire auf die königlich-spießige Art? Tyrannen, so lehrt die Geschichte des Größenwahns, sind in der Regel neureich und haben keinen Geschmack.

Die formvollendete Stillosigkeit hat etwas Ernüchterndes; von den Interieurs eines Kleinbürgers wie Erich Honecker unterscheidet sie sich nur durch blattvergoldetes Gehabe. Vielleicht geht man bei Herrschers deshalb so gern auf die Toilette – dort muss ja selbst der Kaiser zu Fuß hingehen. Eine symbolische Erniedrigung: Nichts ist mehr heilig – nicht einmal der Intimbereich. Jetzt hat der Tyrann sein Recht auf Privatsphäre verwirkt.

Als die amerikanische Kriegsreporterin Lee Miller im Mai 1945 in die Badewanne in Hitlers Münchner Privatwohnung stieg, ging das „Life“-Foto von David E. Sherman um die Welt: auch das eine Ortsbesetzung mit symbolischer Kraft. Denn die Aufnahme hatte neben den damals kursierenden Bildern von den befreiten Konzentrationslagern auch eine notwendig erholsame Wirkung. Die Gewalt, die Gräuel, die Erschöpfung, die Todesangst: Wer möchte da nicht einmal tief durchatmen und sich einfach die Hände waschen. Notfalls aus goldenen Hähnen.

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