Kultur : Haushaltsfragen

Sie wärmt. Sie nervt. Sie ist billig, praktisch, anstrengend. Und es gibt sie noch, die Wohngemeinschaft. Ein alphabetischer Kodex

Karin Ceballos Betancur

Vielleicht gehört es nicht hierhin, dass die anderen ans Meer gefahren sind und ich endlich allein im Garten sitzen könnte, die Füße im Swimmingpool, würde die Sonne scheinen und der Wind ein wenig wärmer blasen. Wir sind eine Wohngemeinschaft, vier Erwachsene, drei Kinder, mit dem formellen Makel behaftet, dass der kommunale Lebensabschnitt auf zwei Wochen an der französischen Atlantikküste beschränkt ist. Man könnte auch sagen: Wir sind im Urlaub. Aber wir wissen trotzdem, wovon wir sprechen.

1986 erläuterte der Spiegel den Begriff, um den es gehen soll, folgendermaßen: „Unter einer Wohngemeinschaft versteht man einen gemeinsamen Haushalt von mindestens drei Erwachsenen mit oder ohne Kinder, die in der Regel nicht miteinander verwandt sind.“ Passt. Wir sind Susi und Paul, eine alleinerziehende Mutter und ihr zwölfjähriger Sohn, Sven, Pia und Nika, ein alleinerziehender Vater, seine noch in einer Frauen-WG wohnende, aber im Umzug begriffene Freundin und seine neunjährige Tochter, Thilo, mein alleinerziehender Freund, Leon, sein fast elfjähriger Sohn, und ich. Eine Sommerwohngemeinschaft. Mit Spülmaschine.

Wie viele Menschen republikweit in Wohngemeinschaften wohnen, lässt sich bestenfalls schätzen, weil die amtliche Statistik das Phänomen beharrlich ignoriert. Mitglieder von Wohngemeinschaften tauchen dort meist als Alleinlebende auf, wodurch fünf gemeinsam lebende, nicht miteinander verwandte Einzelpersonen zu fünf Einpersonenhaushalten geraten. Einer Forsa-Studie zufolge halten in Deutschland immerhin jede zweite Frau und jeder dritte Mann über 40 WGs für die Wohnform der Zukunft. Während Wohngemeinschaften früher den „dritten Weg zwischen Ehe und Alleinsein“ („Psychologie Heute“) darstellten, fließen im 21. Jahrhundert die Grenzen zwischen WG, Patchworkfamilie und Zweckgemeinschaft im Mehrfamilienhaus, wo Senioren Domizil und Pfleger teilen, um nicht im Heim zu landen.

Wohngemeinschaften sind so alt wie die Menschheit, auch wenn sie früher anders bezeichnet wurden. Die Anfänge reichen zurück bis zum steinzeitlichen Höhlenmiteinander, wo man sich zusammenfand, weil es sich gemeinsam besser gegen Bären kämpfen lässt und der Zusammenhalt das Überleben sichert. Das ging eine ganze Weile so weiter, bis im 19. Jahrhundert die bürgerliche Kleinfamilie auf den Plan trat und alles, was nicht per Geburtsurkunde einen Anspruch auf Versorgung geltend machen konnte, nach Kaffee und Kuchen wieder auf die Straße setzte. Viele Jahre dachte man, das sei natürlich und müsse so sein.

Am 1. Januar 1967 bezog die berühmteste Wohngemeinschaft aller Zeiten in Berlin Quartier und nannte sich „Kommune 1“. Es war die Zeit der Suche nach Lebensentwürfen jenseits starrer, wirtschaftswunderlicher Konventionen, der Versuch, Alternativen zu den ebenso glück- wie lustlosen Versprechen und repressiven Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft zu entwickeln. Heute, knapp 40 Jahre später, lässt sich sagen: So sexy war das auch nicht. Aber die Rückkehr zum Kleinfamilienknast, pseudo-ironisch verbrämt von den neuen Bourgeois der Republik, ist es noch viel weniger.

Gestern Abend saßen wir am Küchentisch. Die Kinder malten Pferde, Mickey Mäuse, Elefanten mit Baseballkappen, Ohrringen und der Aufschrift „Ich leb im Ghetto mit Scheiß-Flair“, während die Erwachsenen sich an einem ABC der Wohngemeinschaft versuchten, weil dem Begriff anders kaum beizukommen ist.

A ist der Abwasch, der nicht nur dem Klischee gemäß für Ärger sorgt, wobei jeder und jede der Befragten glaubhaft vermittelt, den Abwaschplan, der ebenfalls mit A beginnt, zu WG-Zeiten atlasgleich erfüllt zu haben. Pia berichtet von Versprechen, die zwar zu vollen Abwaschbecken führen, selbige jedoch voll bleiben, während der Vollfüllende sich längst in den Urlaub verzogen hat. A wie Arbeitsteilung bleibt ein guter Grund, um gemeinsam zu leben, oft genug allerdings hehre Absicht. Und natürlich A wie Alkohol, aber das versteht sich irgendwie von selbst.

B steht für den Badewannendreckrand, der auf die oft mangelhaften hygienischen Beendigungen in der geteilten Nasszelle hinweist, für krustige Schatten, die sich von der Wannenmitte bis zum Abfluss erstrecken, selten beseitigt werden und nie vom eigenen Schmutz gespeist sind. Gleiches gilt für die Bremsspuren mit B, von denen Pia erzählt, aber das war früher, als es noch Zwischenmieter gab, die selten lange blieben.

C , das diffizile, versuchten wir zunächst, mit einer billigen Notlösung – C wie in WC – zu entkommen, tapfer dem tautologischen Konflikt mit B wie Bremsspur die Stirn bietend, den auch Clorix nicht verhindert hätte. Schließlich kamen wir dann doch noch auf Che Guevara, im kollektiven Gedächtnis auf ewig verbunden mit den ausgehenden 60er Jahren, Studentenprotesten und eben auch nämlichen Wohngemeinschaften. Obwohl damals gar nicht so viele Che-Poster gehangen haben können, waren ja nicht alles Guevaristen, und der Gegenwart ein paar mehr sehr gut bekommen würden. Dann noch die Cannabisanzucht auf dem Balkon, die eine hübsche Überleitung zum nächsten Buchstaben bietet:

D wie Drogen nämlich. Dass selbige mit einer gewissen Selbstverständlichkeit zum Wohngemeinschaftsinventar gehören, mag damit zu tun haben, dass die Bewohner noch immer mehrheitlich dem studentischen Milieu entstammen, einem Alter also, in dem man ausprobieren muss, was geht. Die Türen der Erkenntnis und so. Die Rede kam dann noch auf Dosenravioli und Damenbesuch, natürlich auch auf Dieter, einen von Thilos Zwischenmietern, der morgens minutenlang zum Abhusten im Badezimmer verschwand.

E weist auf die Enge hin, die in Wohngemeinschaften häufig herrscht, auf die Endlosigkeit von Diskussionen, die eskalieren und in Eklats enden. Erektion steht symbolhaft wenigstens für die männliche Seite amouröser Abenteuer, in die Menschen sich vermehrt stürzen, wenn sie alleinstehend sind, was definitionsgemäß auf die meisten WG-Insassen zutrifft. Eigentum ist eine heikle Frage, auf die wir später noch zurückkommen. Sie steht in verwandtschaftlicher Beziehung zum Einkauf, bei dem entschieden wird, wem was gehört, auch wenn diese Zuordnungen später wieder verschwimmen und zum Gegenstand von Auseinandersetzungen werden, siehe A. Emanzipation sollte Bestandteil jeder ordentlichen WG sein, scheitert allerdings leider häufig an ihrer Zweckorientierung, siehe Z.

F , sagt Pia, „Frühstück, gemeinsames“, für sie eines der schönsten WG-Rituale, „das Problem ist nur, dass das Ende nie so schön ist wie der Anfang, weil es dann darum geht, wer aufräumt“. A wie Aufräumen, das hatten wir vergessen. Zum Buchstaben F gehört außerdem der Flohmarkt, neben Ikea offizieller Ausstatter des geteilten Wohnraums, sowie die Feten und rauschenden Feste, wie sie niemand mehr in der eigenen Wohnung feiert, wo man alleine putzen muss.

G ist die Gemeinsamkeit, ein zentraler Aspekt, der Menschen auch im 21. Jahrhundert, jenseits der 40 dazu treibt, sich zusammenzutun. Pia sagt, dass sie Leute kennt, die aus Angst vorm Alleinsein in WGs flüchten, weil sie fürchten, andernfalls völlig zu vereinsamen. Dass ihr das zu denken gibt, wenn die Gemeinschaft weder aus finanzieller Notwendigkeit (G wie Geld) entsteht, noch aus der Überzeugung, dass es richtig ist und besser, sondern nur noch dem Zweck gehorcht, den Schmerz der Vereinzelung zu betäuben.

H , da wäre das Hochbett, früher „einfach ein Zwang, ein innerer Zwang“, sagt Sven, in jeder WG vorhanden, einst vielleicht um Platz zu sparen, später einem ungeschriebenen Einrichtungstipp folgend. Die Haustiere, die gern Katzen sind, oder der dicke Kater, der sich damals in Susis WG regelmäßig um 5 Uhr morgens vor der Wohnungstür einfand, um gefüttert zu werden und dann schlaflosen Bewohnern um die Füße zu streifen. Die Heizung, um deren Wärmeleistung und Zahlung man streitet. Das Hamstern von Vorräten, die es vor den Mitbewohnern in Sicherheit zu bringen gilt.

I ist dünn. Bei I weiß nur Sven von Irokesenschnitten zu berichten, den wir inzwischen ohnehin verdächtigen, nicht wirklich über WG-Erfahrungen zu verfügen. Irr, auch mit I. Insel, sagt Thilo, in einer Gesellschaft, die nicht ist, wie sie sein sollte, und in der man nicht aufgeben darf zu versuchen, trotz allem das Leben im falschen ein bisschen richtiger zu leben.

J animiert Susi zu der Erwähnung von Jod-Salz. „Das sind so Entscheidungen, wie mit Bio- oder Aldi-Brot, H-Milch oder nicht.“ Und wenn jeder einfach sein eigenes? „Auf gar keinen Fall, so viel Platz ist auch wieder nicht in der Küche. Außerdem will man ja nicht fünf Single-Haushalte unter einem Dach, sondern gemeinsam einkaufen und sich das Leben ein bisschen einfacher machen.“ Sie macht eine Pause. Dann sagt sie: „Und wenn man mal vergessen hat, Dieters Jod-Salz zu kaufen, wird das gleich als Spitze empfunden.“

K ist vielfältig: Selbstverständlich Kommune, Kommunarde, Kommunismus und Konventionen. Allerdings auch Kaffee (meistens alle) und Klopapier (dito). Kotzen ergibt sich als natürliche Konsequenz aus dem bereits erwähnten Alkohol. Nicht unerwähnt bleiben dürfen die Kühlschrankfächer, ein Begriff, bei dem Sven verächtlich schnaubt, Pia hingegen anmerkt: „Ich kenn das nur so, würde es auch nicht anders wollen, weil ich keine Lust hab, dass mir Leute alles wegfressen, was ich gerade gekauft hab.“

L wie linksradikal und der Boden, auf dem die WGs der Vergangenheit entstanden, heute nur noch selten. L wie die Liebe, das Lachen und die Launen, denen sich ausliefert, wer das Zusammenleben mit anderen wagt.

M steht für Mao (Thilo) und Maoam (Pia), für das Menstruieren, was Frauen, die zusammenleben, laut Susi irgendwann zwangsläufig gemeinsam tun. M steht für die Macht, die verteilt sein sollte, hierarchiefrei, um mal das zu Unrecht in Ungnade gefallene H-Wort zu bemühen.

N ist nackt. „Wer’s nach dem Duschen nicht ist, ist der Idiot“, sagt Susi. „Bei mir haben sich immer alle in der Dusche umgezogen, und ich war der Idiot“, sagt Pia. Es fällt schwer, den Gegenstand eindeutig zu bestimmen.

O ist die Ordnung, die es einzuhalten gilt, wenigstens ein bisschen, andererseits aber auch die Orgie, die sich selbiger widersetzt und im Alltag seltener gefeiert wird, als man sich das beim Einzug vorgestellt hat. Und natürlich die Orgasmusgeräusche der Mitbewohner.

P steht für Polizei, die auf der Matte steht, nachdem sie auf die uns vom Buchstaben C vertraute Cannabis-Pflanzung auf dem Balkon aufmerksam geworden ist, ebenso wie für den Putzplan, der so selten wie der Abspülplan eingehalten wird, was sich möglicherweise sogar für Pläne im Allgemeinen sagen lässt.

Q , beim Q wird deutlich, dass an unserem französischen Esstisch mittlerweile viel Wein geflossen ist, weshalb wir nur noch auf quengeln, querdenken und quasseln kommen.

R dagegen, R ist das Reden über die Revolution, Die Rote Sonne, „ein Film, der in keiner WG fehlen darf“, sagt Thilo. R sind die Rentner, die ich vor Jahren in einem städtisch finanzierten Mehr-Generationen-Wohn-Projekt in den Außenbezirken Frankfurts besucht habe, und von denen einer mir erzählte, dass er seine 79 Jahre alte Kommunardin regelmäßig mit Met vom Metzger versorge, das Hüten von Kindern mittelalter Mitbewohner allerdings verweigere.

S reicht von Schamhaaren bis zur ersehnten Solidarität, mal ganz abgesehen von Saufen, Sex und Siff. Gegen die Startbahn hat Sven demonstriert, SZ-Schnitten würde Pia gerne manchmal essen, wäre garantiert, dass sie am nächsten Morgen nicht schon in einem anderen Bauch verschwunden sind.

T brachte das wunderbare Wort Tohuwabohu, das keiner allein so schön und umfassend hinkriegt wie in der Gemeinschaft mit anderen – ein Gedanke, den ein Blick in unser französisches Wohnzimmer zur Gewissheit verstärkte. Tränen, die nach Konflikten geweint, und Türen, die geschlagen werden. Der nächtliche Tanz in der Küche, der Tee, bei dem Probleme besprochen werden, sowie das Trauma, das ausgelöst und überwunden werden kann.

U bewog uns zu einer Schweigeminute für Uschi Obermaier, der Mutter aller Kommunardinnen, führte uns über Unsinn und Urlaub zum Untergrund, der früher mal vorübergehend Unterschlupf in WG-Kreisen suchte, inzwischen aber kaum noch existiert.

V sind die vielen verworrenen Gedanken, die Vegetarier, die das Hackfleisch aus der Lasagne pulen, sowie Vermieter, die man am liebsten selten sieht.

W wie das Wunschkonzert, das die WG nie ist, die Wäsche, die über Balkongeländern und Badewannen trocknet, das Weihnachtsfest, das niemand mehr allein oder im drögen Familienkreis begehen muss, W meint weinen, Wein und wegfressen.

X, röchelten wir, „XXL“ und dachten an erträumte große Altbauwohnungen, vielleicht auch noch das X-Chromosom.

Y, die „Yps-Hefte“, aber die lagen wohl nur bei Pia rum. Sonst gab es bei uns keine Ypsilons.

Z von den durchlittenen Zerreißproben, Zahnbürsten ungeklärter Herkunft. Vor allem aber zum Zweck, der viel zu häufig ein Mittel begründet, das zu Größerem bestimmt ist: dem Versuch, der Vereinzelung nicht nur zu entkommen, sondern ihr ein Modell entgegenzusetzen, das antritt, Freiheit und Gleichheit zu versöhnen.

Leon (10) sagte, dass er später in einer Luxusvilla leben möchte. Vielleicht auch mit Frau und Kindern, das ließ sich nicht richtig klären, weil er beim Gedanken an Frauen lachen musste. Paul (12) gab zu bedenken, dass man nie wissen kann, wie sich das Leben entwickelt, er aber am liebsten am Meer wäre. Nika (9) wünschte sich einen Reiterhof, das heißt: Eine Box mit ihrem Pferd würde reichen. „Wohnt da außer dem Pferd noch jemand?“, fragte Sven. „Nö“, sagte Nika. Dann gingen die Kinder ins Bett. Wir machten uns ein bisschen Sorgen um die Zukunft, öffneten die nächste Flasche Wein und ergötzten uns an unserer Gegenwart als Wohngemeinschaftsbewohner.

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