Kultur : Haut gegen Stein

Die Wiederentdeckung des engagierten Kinos: „Schussangst“ aus Deutschland gewinnt beim Filmfestival in San Sebastián

Rüdiger Suchsland

Ein Waffenhändler, der Thomas Mann und Goethe liebt. Ein Spießbürger, der für Nordkorea schwärmt und am liebsten Radio Pjöngjang hört. Ein Taucher, der nachts toter Mann spielt: Dirk Kurbjuweits Roman „Schussangst“ ist voll von Kuriositäten, von scheinbar beiläufigen Beobachtungen des Alltagslebens, das plötzlich eine Wendung ins Surreale bekommt. Keine schlechte Voraussetzung für einen Spielfilm.

Aber es ist auch eine gefährliche Voraussetzung. Denn man kann sich leicht in der Vielzahl von Einfällen verheddern, den Wald vor Bäumen nicht mehr sehen. Regisseur Dito Tsintsadze ist die Gratwanderung aber geglückt. Mit seiner Verfilmung des Romans über einen Kriegsdienstverweigerer, der am Ende – aus Liebe – zur Waffe greift, gewann der aus Georgien stammende Regisseur bei den Filmfestspielen von San Sebastián die „Goldene Muschel“, als erster deutscher Film in der 51-jährigen Geschichte des Festivals.

An zehn Tagen wurden in der baskischen Küstenstadt, deren muschelförmige Bucht aussieht wie eine Miniaturausgabe der Copacabana, über 170 Filme gezeigt, viele von ihnen in Welt- und Europapremieren. Neben dem internationalen Wettbewerb kann man vor allem einen umfassenden Einblick in die Produktionen aus Spanien und Lateinamerika gewinnen. Und trotzdem hat sich, anders als in Frankreich oder Großbritannien, die Bedeutung des Festivals in Deutschland noch nicht recht herumgesprochen.

Zum größten Ereignis wurde in diesem Jahr Julio Medems mit Spannung erwarteter Film „La Pelota vasca, la piel contra la piedra“ (wörtlich: Das baskische Ballspiel, Haut gegen Stein). Der Regisseur von so poetisch-verspielten Autorenfilmen wie „Lucia und der Sex“ hat eine handfeste politische Dokumentation über seine baskische Heimat gedreht, die schon im Vorfeld für heftigste Kontroversen sorgten. Mehrere Minister der Madrider Zentralregierung überboten sich in grober Polemik, ohne den Film gesehen zu haben, auch einige von Medems Gesprächspartnern im Film sowie pro-baskische Aktivisten distanzierten sich vorab. Offensichtlich hat Medem in ein Wespennest gestochen.

Der Film ist ein Plädoyer für die Freiheit der Worte und Gedanken: Mehr als 70 Personen aus allen Lagern, Künstler und Politiker, Opfer und gewaltbereite Aktivisten, hat Medem interviewt, die Gespräche sorgfältig montiert und mit baskischen Liedern unterlegt. Kühl und ohne Zurückhaltung benennt Medem den Terror der ETA (dem unter Franco 40, während der Demokratie über 700 Menschen zum Opfer fielen) und verweigert sich im selben Moment der aus der Madrider Perspektive beliebten Gleichsetzung von Nationalismus und Terror.

Zusammengehalten wird das alles vom titelgebenden baskischen Nationalsport Pelota, der so spröde wie leidenschaftlich ist und von vielen Basken als „das reine Spiel“ vergöttert wird. Hier wird Pelota zur Metapher des Baskischen an sich: In regelmäßigen Einschüben zeigt Medem Härte und Kunst des Ballspiels, montiert es in rhythmischen Parallelen mit Schlachthausszenen, Axthieben oder Schusswechseln aus Kinofilmen über den Terror Francos und der ETA. Das alles ist von der ersten Minute an so emotional wie pathetisch, ein Film, der Erfahrungen ins Zentrum stellt, nicht Thesen. Und nie verliert Medem die Kontrolle – selbst dann nicht, als er nach Bildern des Guernica-Angriffs auf eine Szene schneidet, in der Männer ohne Arm, ohne Bein Pelota spielen...

Medems Film steht für einen Trend des europäischen Kinos, der in San Sebastián in vielen Beiträgen erkennbar wurde: Die Wiederentdeckung des cinema engagé, Filme, die aus dem Salon der „reinen Kunst“ hinaus in die Welt blicken und moralisch wie politisch klar Position beziehen. Dabei bleiben sie immer „dicht dran“, ihr Politik-Begriff basiert auf dem persönlichen Erlebnis, dem konkreten Eindruck.

Auch Michael Winterbottom steht für diese Tendenz. Dem Werk des erst 42-jährigen Briten, der mit „In this World“ den goldenen Bären der diesjährigen Berlinale gewann, war eine vollständige Retrospektive gewidmet – eine überfällige Anerkennung. Schon ist sein nächster Film fertig. „Code 46“, Winterbottoms erster Science-Fiction entfaltet die Vision einer irritierend vertrauten und dabei doch beklemmend fremden Zukunft. Ähnlich wie in Andrew Nichols „Gattaca“ sieht sie recht aseptisch aus, ist von avancierter Technik, Wassermangel und einer strengen genetischen Hierarchie bestimmt – und die Weltsprache ist chinesisch.

Samantha Morton und Tim Robbins sind das Mädchen und der Kommissar in dieser Detektivgeschichte, die ihre imaginative Kraft und Poesie einer Mischung aus traumartiger Trance-Atmosphäre und latenter Bedrohung verdankt. Wie jeder gute Science-Fiction-Film handelt auch „Code 46“ nicht zuletzt von unserer Gegenwart: als faszinierende Reflexion zum Thema Überwachung und Strafe, dem Sicherheitswahn, der auf Kosten der Freiheit geht.

Der Rest ist Leichtigkeit: Der Koreaner Bonb Joon-ho zeigte seine wunderbaren„Memoires of Murder“, halb politische Parabel, halb Burleske, die alle Stereotypen des Genres ad absurdum führt und mit dem Spezialpreis der Jury belohnt wurde. Auch „Supertex“ von Jan Schütte, neben „Schussangst“ ein weiterer deutscher Festivalbeitrag, legt bei seiner ödipalen Geschichte vom späten Erwachsenwerden viel Humor und eine heitere Leichtigkeit an den Tag, die stellenweise an Woody Allen denken ließ.

Ebenfalls viel Vergnügen bereitete schließlich „Histoire de Marie et Julien“, ein Liebesthriller von Jacques Rivette – und eine Geistergeschichte. Wenn Geister so schön sind wie Emmanuelle Béart, die hier die Hauptrolle spielt, dann kann selbst das Totenreich nicht mehr schrecken.

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