Kultur : Haut und Knochen

Ignoriert, instrumentalisiert, idealisiert: die Armut, von der Antike bis heute. Eine Ausstellung in Trier

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Schön war die Zeit, denkt man zuerst. Früher war die Armut das Gegenteil von heute. In der Antike galt als arm, wer seinen Lebensunterhalt mit Arbeit verdienen musste. Es war die Zeit der ersten großen Landfluchten, der ersten städtischen Massenverelendung. Die Reichen in Rom, das waren die Arbeitslosen, die Maloche nicht nötig hatten.

Schön anzusehen war sie nicht, die Armut vor über 2000 Jahren. Im zweiten Teil der großen Trierer Ausstellung sind sie zu Dutzenden versammelt, Mini-Skulpturen, Missgestalten in Terrakotta, mit schiefen Mäulern, kurzen Beinen, Buckeln, Fratzen, Wurstlippen und übergroßen Penissen. Die Armen sind animalischer, triebgesteuert, glaubten auch die Hellenen. Armut deformiert den Charakter, verzerrt und verhärmt die Gesichter. Sklaven, Krüppel, trunksüchtige Alte, Schauspieler, Akrobaten, Straßenhändler – sie bildeten damals die Unterschicht.

Wer in der Moselstadt Trier im Rheinischen Landesmuseum von der Sonderschau „Armut in der Antike“ in die Räume der ständigen Sammlung wechselt, wer dort auf die römischen Prunkgräber stößt, das Neumagener Weinschiff oder die monumentale Igeler Säule mit den stolzen Selbstdarstellungsreliefs der Tuchhändler, der begreift schnell: Arm ist, was nicht der Abbildung wert ist. Geh mir aus der Sonne – über Jahrhunderte galten die Armen weder als hilfsberechtigt (weil selber schuld) noch als darstellungswürdig. Bestenfalls taugten sie zur Spottfigur aus Terrakotta, wenn sie nicht mystifiziert wurden wie Diogenes, der nackte Philosoph in der Tonne.

„Armut“ lautet der schlichte Titel der Trierer Doppelausstellung, die mit über 250 Exponaten, Gemälden, Fotografien, Plakaten, Skulpturen und Dokumenten aus gut 40 europäischen Museen deren „Perspektiven in Kunst und Gesellschaft“ aufzeigen will. Das Landesmuseum präsentiert den kleineren Teil; das Stadtmuseum im Simeonstift versammelt 170 weitere Objekte aus der Zeit vom Mittelalter bis heute, nach fünf Themen sortiert: Dokumentation, Appell, Ideal, Satire und Stigma, Reform und Revolution.

Denn trotz der Tabuisierung finden sich Bilder und Vorstellungswelten genug. „Armut ist ein Tabu, über das viel geredet wird“, heißt es im spannend zu lesenden Katalog. Der Sonderforschungsbereich „Armut und Fremdheit“ der Uni Trier, auf dessen Ergebnissen die Ausstellung basiert, hat ein Glossar von Almosen bis Zuchtthaus zusammengestellt und 30 erhellende Aufsätze beigesteuert. Darüber, wie Armut erst ignoriert und dann instrumentalisiert wurde; spätestens seit dem 19. Jahrhundert wird sie mit bürokratischem Aufwand in Statistiken und Regelwerken verwaltet. Armut wird ästhetisiert, politisiert, religiös überhöht – und mit dem Aufkommen des Sozialstaats wieder säkularisiert. Aufschlussreich, wie Könige aus Hospitalsgründungen ihre Macht legitimierten, wie karitative Institutionen auch die „gute Herrschaft“ bürgerlicher Stadtregierungen unter Beweis stellen sollten. Tue Gutes und rede drüber: Der Arme bleibt dabei immer Objekt.

Die reale Armut, so die Quintessenz, hat in unseren nördlichen Breitengraden in 2000 Jahren erheblich abgenommen, die gefühlte Armut ist gewachsen. Wie sehr, das kommt im aktuellen Streit um den vorläufigen UN-Bericht zur sozialen Lage in Deutschland zum Ausdruck, der allein 2,5 Millionen Kinder hierzulande „unter der Armutsgrenze“ wähnt.

Die Künste bemühen sich ihrerseits darum, den Armen als Subjekt in Augenschein zu nehmen. Aber auch das ist eine zwiespältige Sache. Einerseits die Sehnsucht nach Realismus, sei es mit der dokumentarischen Sprache von Hauptmanns „Die Weber“, sei es der unverwandte Blick der Porträtierten in den Fotografien von August Sander, Walker Evans oder dem Romakünstler Kálmán Várady, seien es die knochigen Gaukler auf der Picasso-Radierung „Das karge Mahl“ oder Winfried Baumanns Wohnbehälter für den modernen Großstadtnomaden.

Andererseits gibt es die Faszination des Elends, das Pittoreske, das Melodram à la Charles Dickens, den Märchenstoff von „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ – und die damit oft verbundene Verkitschung der Barmherzigkeit. In Trier sind sie alle versammelt: St. Martin mit dem geteilten Mantel, Elisabeth mit Spitzbrot und Flasche, zärtliche Heilige, gütige Nonnen beim Brotausteilen, die Mädchen-Idylle auf Max Liebermanns „Hof des Waisenhauses in Amsterdam“ (1876). Auf dem Wimmelbild „Die sieben Werke der Barmherzigkeit“ von Pieter Brueghel d.J. (erste Hälfte, 17. Jh.), einem der Haupt-Exponate der Schau, wird die Bedürftigkeit geradezu lustvoll durchbuchstabiert. Anders als bei Brueghel d. Ä. fehlt die religiöse Allegorie der Caritas – eine frühe Aufforderung zur Fürsorge vonseiten der Bürger. Und ein propagandistisches Motiv, das sich ähnlich appellativ in Käthe Kollwitz’ „Hunger“Grafiken oder auf den Schockfotos der Brot-für-die-Welt-Plakate findet.

Gut ist die Ausstellung, wo sie nicht ins Beliebige abdriftet (Karl Marx, der Antisemitismus, die Abneigung gegen Punks – gehört irgendwie alles zum Thema), sondern Denk- und Wahrnehmungsmuster aufspürt. Caritas-Gloriole, jüdische Spendenschalen, heutiger Charity-Glamour. Die Hungerrevolten des 19. und die Afrika-Ignoranz des 21. Jahrhunderts. Die Ausgrenzung des armen Lazarus und die Lampedusa-Flüchtlinge. Oder die Stigmatisierung, von der BettlerStatuette in Elfenbein über die Sinti und Roma bis zu „Florida-Rolf“.

Schön auch die Verweise hinein in die Stadt, in die Trierer Geschichte. Anfang des 17. Jahrhunderts belief sich der Anteil der hier mit Almosen unterstützten Haushalte auf erschreckende 27,5 Prozent. Der berühmteste freiwillige Arme vor Ort: der griechische Einsiedler Simeon, der im 11. Jahrhundert gleich nebenan auf der Porta Nigra wohnte. Seiner Heiligsprechung verdankt Trier den zeitweiligen Umbau des römischen Stadttors zur Stiftskirche – und das Gebäude, das das Museum beherbergt: das Simeonstift.

„Armut schändet nicht, ist ein Sprichwort , das alle Menschen im Munde führen und keiner im Herzen“ – August von Kotzebues Satz aus dem Jahr 1796 findet sich im Treppenhaus gleich neben Gerhard Schröders Appell „Fördern und Fordern“ und Franz Münteferings herzkaltem Hartz- IV-Verdikt „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. Das ist der Unterschied zur Antike: Heute gibt es Menschen, die arm sind, nicht weil, sondern obwohl sie arbeiten gehen.

Bis 31. Juli, Stadtmuseum Simeonstift Trier, Di-So 10-18 Uhr. Rheinisches Landesmuseum Di-So 10-17 Uhr, Katalog 29,90 €, Von 11. 9.-6.11. im Ulmer Museum der Brotkultur. www.armut-ausstellung.de

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