Kultur : Hautnah

Intensivstation Wirklichkeit: Die deutschen Filme auf der Berlinale zeigen Härte und Herz

Christiane Peitz

Sie fassen einander nicht an. Dabei sehnen sie sich entsetzlich nach Nähe. Wenn sie geschieht, ist es eine Naturkatastrophe: ein schwarzes Drama der Gewalt, ein großes, stilles Wunder der Leidenschaft, ein Vulkan, der ausbricht unter einer längst erkalteten Oberfläche. Die Helden der deutschen Berlinale-Filme: Sie sind sich selbst fremd und machen sich auf, die eigene Existenz zu begreifen. Ihr Befund gleicht einem Schock.

Diese Helden leben in einem Land, das offenbar keine Lust mehr auf Komödien hat. Gut, Filmemacher verabreden sich nicht, nach dem Motto: Jetzt ist Schluss mit lustig, jetzt machen wir Ernst, was bleibt uns anderes übrig angesichts von fünf Millionen Arbeitslosen, leeren Staatskassen und der Bedrohung des internationalen Terrorismus. Dennoch haben die neuen deutschen Kinogeschichten, die die Berlinale mit vier von 19 Wettbewerbsfilmen und 51 Beiträgen in den übrigen Sektionen präsentiert, etwas gemeinsam: die Ernsthaftigkeit, mit der sie sich der Gegenwart stellen und sich über die jüngere deutsche Vergangenheit verständigen. Es ist, als ob die Nation im Kino in Therapie ginge. Eine Mutprobe: So politisch war das Private schon lange nicht mehr.

Alleine die Plots. Jürgen Vogel spielt einen Vergewaltiger und Triebtäter – Matthias Glasners Wettbewerbsfilm „Der freie Wille“ mutet dem Publikum, nach allem, was vorab zu erfahren ist, grausame Szenen zu. Jessica Schwarz verkörpert eine junge DDR-Dissidentin, deren Ideale zur Zeit des Mauerbaus von der Stasi niedergeknüppelt werden – in Dominik Grafs Panorama-Film „Der rote Kakadu“. Und Hans-Christian Schmid blendet zurück in die Bundesrepublik der siebziger Jahre: Im Wettbewerbsfilm „Requiem“ spielt Sandra Hüller auf eindringliche, verstörende Weise eine fromme Tübinger Studentin, die an Epilepsie leidet und an den beengten Verhältnissen in der erzkatholischen Provinz zerbricht.

Auf die Tragödie, so heißt es gewöhnlich, folgt die Farce. Diesmal ist es umgekehrt: Die Geschichte wiederholt sich als Drama. Die Zeit der Ostalgie brachte Mauerfall-Komödien hervor, auf 1989 folgt nun 1961. Zwar zitiert „Der rote Kakadu“ eingangs den heiter-melancholischen Kinoton von „Good Bye, Lenin!“, beschwört dann aber die zunehmend totalitäre Atmosphäre zur Zeit des Mauerbaus. Auch Valeska Grisebachs Wettbewerbsbeitrag „Sehnsucht“, annonciert als Gegenwartsbild aus einem Brandenburger Provinznest, verspricht viele Grautöne. Ebenso vorbei ist die wohlfeile Selbstgewissheit des Westens, die sich einmal im Luxusgenre der Beziehungskomödie manifestierte. In den neuen, hüben oder drüben angesiedelten Leinwand-Stories stehen Existenzen auf dem Spiel, geht es um Leben und Tod. Es wird viel gestorben im deutschen Kino 2006.

Selbst der bisher immer zu Scherzen aufgelegte Detlev Buck verzichtet auf jeden comic relief. Der Titel seines Panorama-Films „Knallhart“ ist Programm: Er setzt die türkischen Gangs von Neukölln in Szene, schickt einen verwöhnten Zehlendorfer Jungen in den Berliner Krisen-Kiez und stellt ihn vor eine mörderische Alternative. Oskar Roehler wiederum hat Houellebecq verfilmt, den eisigsten Romancier der Gegenwart. Sein Wettbewerbsfilm „Elementarteilchen“ handelt von schaler Sexsucht und glühender Einsamkeit, Lebenshunger und Todesnähe. Bruno (Moritz Bleibtreu) sucht bei den Frauen den ultimativ geilen Kick, sein Halbbruder Michael (Christian Ulmen) sucht im Labor die ultimative Formel für die Fortpflanzung im Reagenzglas. Beide finden etwas ganz anderes – und verpassen sie: die Liebe.

Sittengemälde, Sozialanalysen, Kammerspiele. Die Welt ist nicht in Ordnung, die Gesellschaft aus den Fugen. Auch die Nachwuchsreihe Perspektive Deutsches Kino (siehe unten) richtet ihr Augenmerk auf Außenseiter und Verlierertypen in der Unwirtlichkeit deutscher Städte. Bonjour Tristesse, wohin man auch blickt? Nein. Wenn die Regie-Generation der 30- bis 45-Jährigen sich nun mit atmosphärisch dichten Momentaufnahmen vom Geschlechterkrieg, von der Sauerstoffarmut der Provinzen oder den bislang im großen Kino unerzählten düsteren Kapiteln der DDR-Geschichte präsentiert, tut sie dies mit großer Empathie. Sie malt nicht schwarz, sondern will die Menschen verstehen, die sich durchschlagen, nicht weiter wissen, aufbegehren.

Und sie tut es mit neuem Selbstbewusstsein. Das Publikum mag einheimische Filme wieder, international sind sie erfolgreich wie lange nicht, gewinnen Trophäen auf den großen Festivals oder beim Europäischen Filmpreis und werden regelmäßig für den Auslands-Oscar nominiert wie gerade „Sophie Scholl“ und die Koproduktionen „Merry Christmas“ und „Paradise Now“. Die Filmemacher, sagt Berlinale-Chef Dieter Kosslick, haben keine Angst mehr. Wer Schwächen aufzeigen will, braucht festen Boden unter den Füßen. Und die Regisseure wagen sich an riskante Stoffe, an aufwühlende Konflikte.

Das Bild differenziert sich aus. Graf, Roehler und Schmid wählen großes Erzählkino mit prominenter Besetzung. Buck greift auf das Genre des Ghetto-Films zurück. Grisebach arbeitet mit Laiendarstellern, Andres Veiel hat sein Dokumentartheaterstück „Der Kick“ über den Mordfall in Potzlow für die Leinwand adaptiert. Auch die zwei deutschen Spielfilme in der Forums-Sektion greifen zu minimalistisch-dokumentarischen Mitteln. Ulrich Köhler zeichnet in „Montag kommen die Fenster“ eine Studie von der Zerrüttung einer Kleinfamilie. Schauplatz Kassel: Eine junge Ärztin tritt aus ihrem Leben einfach heraus. Stillgestellte Gefühle, langes Schweigen zwischen den Sätzen. Und Henner Winckler beobachtet in „Lucy“ eine 18-jährige Mutter in einer Kleinstadt irgendwo in Ostdeutschland: kein Kinder-Verwahrlosungsdrama, sondern die ebenfalls wortkarge Nahaufnahme einer blutjungen Familie am vernachlässigten Rand der Gesellschaft. Beide Filme entwickeln ihre Stärke aus einer anrührenden Authentizität.

Die Stillen und die Grellen, die Minimalisten, die Schauwertschöpfer, die Spekulativen – alle finden sich auf der Berlinale. Über der neuen Ernsthaftigkeit sei nicht vergessen, dass sich auch der heitere Ton nicht verflüchtigt hat, man denke nur an Andreas Dresens Erfolgsfilm „Sommer vorm Balkon“. Es darf weiter gelacht werden, auch über Arbeitslosigkeit.

Intensivstation Wirklichkeit, ob in Kassel, Dresden, Brandenburg oder Neukölln. Selten war das deutsche Kino so genau verortet. Und selten zeigten sich seine Helden so ungeschminkt, so spröde. Die Stars in „Elementarteilchen“, Moritz Bleibtreu, Uwe Ochsenknecht, Franka Potente, Martina Gedeck: Sie trauen sich was, so viel darf man vielleicht schon vor der Premiere verraten. Sie verzichten auf vordergründigen Glamour, zeigen ihr nacktes Gesicht, jede Pore, jede Hautunreinheit. Sie sind nicht schön, aber wahr. Der Mensch als des Menschen Wolf – und des Menschen Engel: In vielen Filmen wagt sich die Kamera unerhört nahe an die Protagonisten heran, zeigt ihre Verletzlichkeit, ihre Erbärmlichkeit, ihre oft linkische Sehnsucht. Und sie offenbart die Beklommenheit zwischen Männern und Frauen, die Verlegenheit zwischen den Generationen, die Unfähigkeit zur Nähe und die verzweifelte, oft gefährliche Lust aufeinander.

Sie fassen einander nicht an. Aber die Filme, die davon erzählen, ergreifen uns mit einer Heftigkeit, dass sie gewiss leidenschaftliche Debatten auslösen werden. Der Gesellschaft, uns allen, zielen sie mitten ins Herz.

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