Kultur : Hautnaht

Ifa-Galerie: auf den Spuren des Holocaust

Jens Hinrichsen

Hinter einer Floskel kann sich das Grauen verbergen. Die Erfurter Firma Topf & Söhne entwickelte die Verbrennungsöfen für Auschwitz. Geschäftsbriefe an die SS- Bauleitung des Lagers schlossen mit dem Satz „Stets gern für Sie beschäftigt“. Unter diesem abgründigen Titel präsentiert die ifa-Galerie Arbeiten von sechs Künstlern zum Thema Holocaust und zur Verstrickung deutscher Industrie (Linienstr. 140, bis 27.3., Di–So 14–19 Uhr, Katalog 9 €) .

Heute verfällt das Gelände von J.A. Topf & Söhne, dessen Verbrachung Yael Katz Ben Shalom in einer Multimedia-Installation dokumentiert. Die israelische Künstlerin beleuchtet auch die örtlichen Auseinandersetzungen um die Frage: Gedenkstätte oder gewerbliche Nutzung? Und votiert verständlicherweise für Erhaltung statt Abrissbirne. Doch über eine Anhäufung von Video- und Fotodokumente kommt Ben Shalom nicht hinaus. Da schlagen die Collagen und Videos von Tanya Ury mehr ästhetische Funken. Brisanz besitzen sie, weil die Tochter deutsch-jüdischer Emigranten eine Firma attackiert, die noch heute existiert – und floriert. Der Modehersteller „Hugo Boss“ schneiderte einst SS-, SA- und HJ-Uniformen und verzögert immer noch die Entschädigung ihrer ehemaligen Zwangsarbeiterinnen. Auf deren Schicksal weist die Künstlerin mit einer Video-Performance, in der sie sich die „BOSS“-Lettern in die Handfläche näht. Das geht sprichwörtlich unter die Haut.

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