Kultur : Havanna, mi amor

Fotos von Robert Polidori und Esther Haase bei Camera Work

Hans-Jörg Rother

Kuba ist in. Selten fand die Agonie eines Landes so viele Zuschauer wie die der verarmten Karibikinsel. Doch die einen stimmt der von den Bewohnern tapfer ertragene Zustand melancholisch, während andere das Scheitern der kubanischen Herausforderung zum Lachen finden. Robert Polidori, 1951 in Kanada geboren, wanderte lange durch die Straßen von Havanna und kam nicht los vom Anblick der Häuser, die bessere Zeiten gesehen haben. Oft nahm er am frühen Morgen die Kamera in die Hand, wenn erst wenige Leute unterwegs waren und der Widerschein eines blassblauen Himmels auf dem Asphalt lag. Er trat in eine Apotheke ein und bat den Verkäufer, hinter dem Tresen mit der Aufschrift „Viva nuestra revolucion socialista“ stehen zu bleiben, vor den halbleeren Regalen. Oder er durfte sich in der Villa einer alten Dame umsehen, das unaufgeräumte Schlafzimmer und den Musiksalon fotografieren, den Kontrast zwischen Kunstsinn und arger Not direkt vor Augen. Der verblichene Glanz und der Niedergang der einst stolzen Metropole werden in Polidoris Bildern von einem nachdenklich gestimmten Zeugen übermittelt. Der Fotograf eilte nicht schnell von einem Platz zum anderen. Statt Ironie brachte er Zeit mit. In den warmen Farben seiner Bilder leuchtet das vergangene Jahrhundert, in das Castros Revolution eine kräftige Zäsur setzte, noch einmal auf.

Voller Lust ist dagegen Esther Haase, 1966 in Bremen geboren und derzeit in Hamburg ansässig, durch die Straßen von Havanna gesprungen. Sie liebt die Gesellschaft attraktiver Models, die in St. Pauli der Schickeria und in den Bars von Havanna zahlungskräftigen Touristen die Zeit vertreiben. Eine von ihnen mit Namen Yana hat sie auf ein Pferd gesetzt und in Gesellschaft dreier als Gauchos kostümierter Männer in der Altstadt Posten beziehen lassen. Jeder hält ein kubanisches Fähnchen in der Hand, am höchsten aber reckt Yana den Arm – eine spöttische Anspielung auf Eugen Delacroix’ Gemälde „Die Freiheit führt das Volk auf die Barrikaden“.

Haase dient die Realität als Spielmaterial. Selbst wenn sie Menschen porträtiert, dominiert die Attitüde. Auf einer Farbaufnahme steht eine ältere Frau mit Regenschirm inmitten wogender Weizenähren. „Roter Regenschirm im Kornfeld“ lautet der Titel. Der Schirm ist der Fotografin wichtig, nicht die Frau, deren Konturen verwischt sind. Haase liebt ihre Träume, Polidori dagegen die schäbige Wirklichkeit.

Camera Work, bis 4. Oktober; Kantstraße 149, Dienstag bis Freitag 11–18 Uhr, Sonnabend 11–16 Uhr.

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