Kultur : Hawaii am Wolfgangsee

HARALD MARTENSTEIN

Eine Frau wird erst schön durch die Liebe. Wir Männer dagegen werden vom Surfen schön. Oder ist es umgekehrt? Lockt ein geheimnisvoller Woodoo-Zauber jeden gutaussehenden jungen Mann unwiderstehlich aufs Surfbrett? Jedenfalls besteht "Surfers", Untertitel: "The Soul Magazine", zu weiten Teilen aus dekorativen Fotos von lachenden, gebräunten Jünglingen, denen südliche Winde zärtlich die Locken zausen. Die Surferin dagegen scheint eine ausgesprochen kamerascheue Spezies zu sein.Surfer gelten als Nachfahren der Hippies. Nonkonformisten, Verweigerer. Diese Tatsache schlägt sich in "Surfers" unter anderem in einem avancierten Layout nieder - noch eine Zeitschrift also, in der die Graphiker die Macht übernommen haben. Je besser die Schriften aussehen, desto schwerer sind sie allerdings meist zu entziffern. Wenn man es schließlich geschafft hat, findet man schönstes Surfer-Latein: "Versuche, so abzuspringen, als wenn du eine überrotierte Air Jibe machen wolltest. Irgendwann befindest du dich dann in einer Mischung aus Cheese Roll mit Achterliek voraus und einem Pushloop - du bist auf dem richtigen Weg." Andere Reportagen feiern in etwas verständlicheren Worten das Lebensgefühl der Surfer, und es klingt wirklich nach den Tagen von Peace, Love und den unvergesslichen Charles-Bukowski-Editionen bei "2001". Eine Geschichte über die Brüder Bruce und Andy Irons aus Kauai, Hawaii, beide um die zwanzig, die als kommende Weltmeister gehandelt werden, geht so: "Es ist morgens 11 Uhr und einige kommen gerade nach Hause, während andere mit schlimmem Kater und nebulösen Erinnerungen erwachen . . . Wir hingen ein wenig herum, surften, aßen im Café und gingen wieder surfen. Unser Zuhause ist eine ziemliche Bruchbude, aber schau aufs Wasser: Was willst du mehr?" Folgerichtig wird im Kulturteil "Crystal Voyager" aus dem Jahre 1970 bejubelt, einer der frühen Surf-Filme mit George Greenough, dem "Einstein des Surfens", und mit Musik von Pink Floyd. Nach der Lektüre von "Surfers" ist man sich ziemlich sicher, daß die nächsten größeren Jugend-Demonstrationen an den Stränden von Hawaii stattfinden werden.Die Surfer sind die Revolutionäre des Wassers. Die Jachtbesitzer, na klar, sind die Kapitalisten. Aber was sind die Taucher? Die Philosophen vielleicht. Tauchen ist kein Sport, sondern eine Tätigkeit. Taucher mögen keine Leistungsvergleiche, keine Meisterschaften und keine Medaillen. Taucher müssen sich langsam und bedächtig bewegen, sonst geraten sie ins Trudeln. Taucher handeln nicht, heißt es, sie beobachten nur.In der "Taucherwelt" wird allerdings ausgiebig das Grenzgebiet zwischen Tauchen und Zeitgeschichte behandelt, mit einer Story über den Wolfgangsee, das Lieblingsgewässer von Helmut Kohl. In den letzten Kriegstagen soll dort ein mit Kunstwerken und Pretiosen überladenes Boot gesunken sein, mit dem ungarische SS-Hilfstruppen auf das gegenüberliegende Seeufer flüchten wollten. Ähnliche Geschichten über versunkene Nazischätze gibt es in Hülle und Fülle, aber beim Wolfgangsee scheint wirklich etwas dran zu sein. Jedenfalls holen dort, wenn wir der Fachpresse glauben wollen, Taucher seit ein paar Jahren jede Menge Silberschmuck, Silbergeschirr, Ringe, Nazidolche, Uniformschnallen und Orden heraus. Der Grund des Wolfgangssees, eine nationalsozialistische Schatz- und Rumpelkammer. Der Wolfgangsee ist, geistig gesehen, das Gegenteil von Hawaii.Die sonderbarste Wasserzeitschrift aber, die es an unserem Kiosk gibt, heißt "aqua geographia. Leben über und unter Wasser", ein Hochglanzprodukt, das in deutscher Sprache in Graffignana, Italien, erscheint. In "aqua geographia" sind besonders viele Bilder von ekligen, glibbberigen, augenlosen und spinnenbeinigen Höhlentieren drin. Ein Fachblatt also für alle Fans von blindem Bioglibber. Ja, gewiß, diese Tierlein sind nicht wirklich eklig, sondern genauso ein Teil der Schöpfung wie, sagen wir, unser netter Nachbar. Die Themen der Zeitschrift heißen "Fischmythen der Welt", "Leben im Dunkeln", Bachläufe in Äthiopien, laotische Riesenwelse - eines abseitiger als das andere. Die Artikel enthalten nie gehörte Wörter wie "Diplopod", "Trechini" oder "Pedipalpen", letzteres ist übrigens das zweite, kleinere Scherenpaar der Spinnentiere. Und die Anzeigenkunden sind genauso schräg! In "aqua geographia" inserieren Air Niugini, die Luftlinie von Papua-Neuguinea, oder ein kalifornischer Anbieter von tiefgefrorenen Salinenkrebsen - "cyrogenisch gefroren, mit vollem intaktem Darminhalt". Wozu sind die gut? Damit die Pedipalpen nicht verkalken? In der nächsten Nummer berichten sie über neuentdeckte, superschleimige Amphibien aus dem venezualanisch-brasilianischen Grenzgebiet, über Sumpfwälder und den Südosten von Madagaskar. In der Flut der Madagaskar-Reportagen wird bekanntlich der Südosten meist ein wenig stiefmütterlich behandelt. Wetten, daß es dort seltene Blindspinnen gibt?

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