Kultur : Hawaii-Hemden für alle

Heiße leichte Muse: Berlins Staatsoper staubt die Welt der Operette in ihrem Magazingebäude ab

Joscha Schaback

Mauerblümchen können wunderbar blühen: Das Magazingebäude der Berliner Lindenoper, bislang eher als Nutzpflanze betrachtet, entfaltet sich in der letzten SaisonProduktion des Hauses zur wilden Orchidee. Wahrlich Exotisches hat das Team um die Regisseurin Andrea Schwalbach in dem hohen, fünfgeschossigen Raum mit seinen riesigen Magazin-Türen geleistet: Binnen zehn Minuten verwandelt sich das Gebäude, das vor Vorstellungsbeginn nur nach Lagerhalle aussieht, in einen Garten Eden. Zwei Palmen biegen sich unanständig von den Seiten auf die Bühne hinab, spektakulär fährt das vorher unsichtbare Orchester auf einer Plattform nach unten – und aus den Kulissen-Containern, die über dem Publikum entlangdonnern, startet Kapitän Stone (Adrian Arcaro) seine Invasion auf Hawaii: Fische fliegen wie Bomben ins flache Wasser der Bühne, Militärs und Society seilen sich ab, Elvis, alias Kanako Hilo (Klaus Brantzen) feiert sein glanzvolles Comeback. Berlins Staatsoper im Taumel der Südsee.

Bei soviel Bühnenzauber allerdings hat das Libretto einen schweren Stand. Wirkliche Fragen an die Vorlage sind nicht inszeniert, vielmehr verliert sich die eigentliche Story hinter den fantasievollen szenischen Effekten von Bühnenbildner Etienne Pluss sowie den skurrilen Choreographien von Thomas McManus. Am Ende steht die Frage: Warum eigentlich „Die Blume von Hawaii“ – zumal das Stück erst vor einiger Zeit an der Neuköllner Oper zu sehen war?

Auch die Figuren der Operette laufen Gefahr, ihrer eigenen Spektakelhaftigkeit zum Opfer zu fallen. Allein Cathlen Gawlich als Bessie Worthington bringt es zu einer spielerischen Präzision, die dem Genre bekommt: Das erinnert an die große Zeit der Musical- und Operettenfilme. Wenn man ansonsten über einen überdrehten Jim Boy (Robin Lyn Gooch) lacht, dann allerdings zumeist aus der Distanz, wie über einen oft gehörten Kalauer. So witzig es auf diesem Operetteneiland auch zugeht (und das ist nicht wenig!) – mit Humor hat das wenig zu tun.

Und die Musik? Paul Abrahams Songs sind einfach nicht totzukriegen. Wenn Max Renne sein „Hawaii-Orchester“ zum Swingen bringt, schlagen sich die Mitglieder der Staatskapelle wacker an allerlei exotischen Instrumenten. Dass es mit der Raumakustik nicht zum Besten bestellt ist, lässt sich da leicht vergessen. Zumal die Staatsoper eine junges Solistentruppe zusammengestellt hat, die wirklich gut klingt. Wenn Fabian Martino als Prinz Lilo-Taro die Sau raus lässt, braucht er die Mikroports, die alle Darsteller verstärken, eigentlich gar nicht mehr. Und auch von Andrea Chudak (Prinzessin Laya) kann man gar nicht genug bekommen.

Diese „Blume von Hawaii“ könnte trotz Berliner Biergartentemperaturen ein Publikumsrenner werden. Künstlern und Organisatoren wäre es zu wünschen. Vor allem aber dem Magazingebäude der Staatsoper selber: Vielleicht entwickelt sich das zarte Pflänzchen ja tatsächlich irgendwann zum kräftiger Ableger der großen Bühne. Ein Staatsopern-Studio für Experimente und Produktionen junger Künstler stünde dem Hochkultur-Tempel jedenfalls nicht schlecht zu Gesicht.

Weitere Aufführungen bis 25.Juni .

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