Kultur : Haydn zeitnah

ECKART SCHWINGER

"Die Schöpfung" beim BSO unter Michael SchoenwandtVON ECKART SCHWINGERAuch bei Haydns "Schöpfung" läßt sich unschwer die Erfahrung machen, daß die alten Kunstwerke neue Beziehungen zu neuen Generationen eingehen.Dabei können allerdings wirklich neue Nuancen und Überraschungsmomente bei diesem klassischen Oratorium des Aufklärungszeitalters kaum noch zutage gefördert werden, zumal es nun auch von den Anwälten der alten Spielart aufs intensivste abgegrast wurde.Aber man darf inzwischen ganz sicher sein, daß dem Publikum bei Haydns "Schöpfung" nicht mehr eine altmodische Idylle oder hochtrabende und letztlich eintönige Oratorienfeierlichkeit zugemutet werden.Die Aufführung des Berliner Sinfonie-Orchesters mit dem Rundfunkchor Berlin (Sigurd Brauns) unter Michael Schoenwandt im Konzerthaus war moderner Prägung.Sie setzte ganz auf die überzeitlichen Dimensionen und naturhaft-schlichten Schönheiten des genialisch-volkstümlichen Werkes.Und zwar in so vitaler wie dynamisch zeitnaher Weise.Sch²nwandt ging mit Elan und unmanieriertem Impetus zu Werke.Gerade im Hinblick auf die empfindsam-poetische Schöpfungserzählung und Gottesverehrung und die das 19.Jahrhundert deutlich ankündigenden Stimmungs- und Naturbilder (etwa beim morgendlich "süßen Klang" in E-Dur der drei Soloflöten) ließ er die klangmalerischen Momente nicht auswuchern.Er hielt alles in straffen und geschmackvollen Bahnen.Die berühmte, so beunruhigend dissonante wie disparate "Vorstellung des Chaos" oder der stets mit Spannung erwartete, große Augenblick, da es plötzlich Licht wird auf der Welt, kamen in gehörig verunsichernder Wirkung heraus.Aber die Spannung und die zunächst so feine Zeichnung der schwebenden und flockigen Haydnschen Klangbilder verflachte etwas.Der Ton wurde pauschaler.Die rhetorische Prägnanz ging zurück, auch seitens der in puncto Inspiration und Stimmzauber sich gegenseitig nicht gerade überbietenden Solisten Sylvia Greenberg (Sopran), Deon van der Walt (Tenor) und Eike Wilm Schulte (Bariton).So faszinierend frisch, ausdrucksscharf, detailversessen, wie vor einigen Jahren der alte Solti in der Lindenoper das avancierte Wunderwerk ausgeschöpft hatte, hat es bislang kaum ein anderer Dirigent wieder präsentiert.Die Musteraufführungen der Meisterwerke vergißt man so schnell nicht.

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