Kultur : Haydns Naivität

KEVIN CLARKE

"Die Schöpfung" mit der Singakademie im SchauspielhausVON KEVIN CLARKEDiesen musikalischen Essay in kompositorischer Tier- und Pflanzenkunde gern zu haben, fällt nicht sonderlich schwer.Haydns von der Berliner Singakademie unter ihrem Leiter Achim Zimmermann aufgeführtes Oratorium "Die Schöpfung" ist von einem so entwaffnend naiven Naturverständnis ("Und Gott sah, daß es gut war"), daß man nichts als unkomplizierte Freude an der Überfülle der Einfälle haben müßte.Für jedes Detail der Schöpfungsgeschichte findet Haydn eine musikalische Entsprechung, deren klanglich reiche Palette jedem Dirigenten unzählige Wirkungsmöglichkeiten bietet: Achim Zimmermann nutzte sie kaum.Obwohl ihm mit dem Concerto Brandenburg ein Ensemble historischer Instrumente zur Verfügung stand, setzte er deren oft sehr "individuelle" Tönung nicht zum liebevollen Ausmalen der Haydnschen Bibelbilder ein, mußte mit Intonationsschwankungen des Instrumentariums kämpfen, hatte dafür aber an vokaler Front Kräfte zur Verfügung, die den gewaltigen Gotteshymnen und seraphischen Gesängen alle Ehre machten.Die Singakademie gestaltete den diffizilen Chorpart meisterhaft und bildete eine eindrucksvolle Kulisse für die Solisten: Lothar Odinius als etwas blasser Uriel, Andreas Scheibner als Erzengel Raphael mit geschmeidigem Bariton, und Simone Nold.Ihr inniger, in der Höhe weich leuchtender Sopran war ideal für den Part des Engels Gabriel.Später, von den himmlischen zu den irdischen Wesen gewechselt, verzauberte sie als Eva ihren Partner Scheibner in der Rolle des Adam mit betörenden Liebestönen, die für alle orchestralen Defizite entschädigten und Haydns wunderbare "Schöpfung" wahrlich glanzvoll erstrahlen ließen.

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