Kultur : Haydns Pariser Sinfonien: Expressive Kraft

Eckart Schwinger

Wenn derzeit von den neusten und sicherlich schönsten Bach-Kantaten-Einspielungen gesprochen wird, dann ist die Rede von Ton Koopmans CDs. Aber auch als Dirigent und Orgelvirtuose anderer Werke ist der Holländer immer mehr in den Konzertsälen zu erleben. Obwohl er auch gern moderne Orchester dirigiere, so Koopman, sei für ihn ein solches Konzert jedes Mal ein Abenteuer. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ließ sich im Konzerthaus mit Vergnügen auf dieses Abenteuer ein - und bestand es mit den Pariser Symphonien Numero 83 bis 85 von Joseph Haydn bestens.

Schon aus der kleinen Besetzung schlägt Koopman musikalisches Kapital: sprühende Funken, knisternde deklamatorische Exaktheit, eine fast opernhafte Gestaltenfülle. Koopmans rhythmische Impulsivität, seine expressive Kraft, sein barockes Pathos ließen sich Orchester und Publikum gefallen. Dabei bewegt sich der schwergewichtige Dirigent keineswegs nur auf Zehenspitzen.

Bei aller Leichtigkeit in den Tanzsätzen, allem entschlackten Klang liebt er drastische Überraschungsmomente. Sogleich bei den Haydn-Sinfonien Nr. 84 (Es-Dur) und 85 (B-Dur "La Reine") setzte er auf ein beinahe Beethovensches Brio, eine Schärfung der Klangcharaktere, auf brodelnde Tempi. Die Romanze der B-Dur-Sinfonie mit hauchzarten Schattierungen war eins der Koopmanschen Kabinettstücke, die in Erinnerung bleiben. Bei der Sinfonie Nr. 83 (g-Moll "La Poule") hämmerte er die Dissonanzvorhalte weniger rabiat heraus als Harnoncourt bei seinem Haydn-Abend in der Philharmonie. Koopmans versagte sich auch dessen kämpferischen Vorwärtsdrang, spitzte gleichwohl das Allegro spirituoso zu einem pikanten Klangspaß zu. Der zu Tage geförderte Affektreichtum im Andante ging unter die Haut. Das Finale sprudelte nur so über vor instrumentalen Glanzlichtern und Kapriolen. Der viel bewunderte Neuentdecker der Bach-Kantaten entpuppte sich als ebenso launiger wie leidenschaftlicher Haydn-Dirigent.

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