Kultur : Headhunter: Hans Christoph Buch zur Kultur-Geschichte des Halsabschneidens

"Vor der Hochzeit muss der Bräutigam der Braut eine Anzahl Menschenköpfe bringen, am liebsten Christenköpfe", schreibt der deutsche Forschungsreisende Hans Meyer, Erstbesteiger des Kilimandscharo und Begründer von Meyers Lexikon. "Nur der glückliche Kopfjäger darf Tätowierung empfangen. Köpfe dienen als Fundament für die Eckpfähle des Hauses und um die Halle des Häuptlings zu schmücken. Man braucht Schädel zu Trinkschalen, zum Schmuck des Körpers und der Waffen. Der Wunsch, Schädel zu besitzen, wurde so zur Leidenschaft." Diese vor hundert Jahren über die Dajak in Borneo geschriebenen Sätze sind in der zu Indonesien gehörenden Provinz Westkalimantan noch immer aktuell.

Der Zerfall von Suhartos Militärregime rief in dem multinationalen Inselreich Sezessionsbestrebungen auf den Plan, die auf Osttimor, Aceh und den Molukken zu ethnisch oder religiös motivierten Massakern eskalierten. Erschreckend ist dabei die Brutalität, mit der beide Seiten den Konflikt austrugen: jahrzehntelange politische und kulturelle Unterdrückung machte sich in atavistischen Gewaltorgien Luft, die alle kolonialen Klischees zu bestätigen scheinen. Beim Betrachten der Fotos, auf denen jetzt Ureinwohner den von der Regierung umgesiedelten Moslems aus Madura die Köpfe abschlagen, um sie als Trophäen mit nach Hause zu nehmen, fühlt man sich an Joseph Conrads "Lord Jim" oder "Herz der Finsternis" erinnert: APOCALYPSE NOW. Aber die Exotik täuscht, denn ganz ähnliche Szenen spielten sich beim Völkermord in Kambodscha und Ruanda ab oder bei den Massakern in Sierra Leone und Liberia - in allen Fällen war die tödliche Kugel ein Privileg, das Geld kostete und wenigen Auserwählten vorbehalten blieb. Und es gehört nicht allzuviel Phantasie dazu, sich auszumalen, was hierzulande passieren würde, wenn Neonazis und Skinheads plötzlich salonfähig würden, um bei einer Arbeitslosenrate von, sagen wir, 30 Prozent, vom Rand zum Mainstream der Gesellschaft vorzustoßen - schließlich haben wir das alles schon einmal gehabt. Bald nach der Machtergreifung führte das NS-Regime für Kommunisten die Todesstrafe durch Enthaupten ein - nicht mit der Guillotine, sondern mit der Schlachterklinge - nachzulesen in Arnold Zweigs Roman "Das Beil von Wandsbeck". Schon in der französischen Revolution markierte das Köpfen echter und eingebildeter Gegner den Übergang von Befreiung zu Unterdrückung; der jakobinische Terror sprach den Ideen von 1789 Hohn und machte die Proklamation der Menschenrechte unglaubwürdig, weil das Durchtrennen des Halses und das Zuschaustellen abgeschlagener Köpfe ein bis heute gültiges Tabu verletzt. Von der Enthauptung zum Kannibalismus ist es nur noch ein kleiner Schritt - beides wird in Gestalt eines Hannibal Lecter nunmehr kommerzialisiert. Doch in der globalisierten Wirtschaft haben solche Haupt-Aktionen noch eine ganz andere Bedeutung: "Fällt eine Führungskraft einem Kopfjäger in die Hände, ist deren Karriere schon mit 30 Jahren beendet. Der Gesetzgeber muss deshalb dafür sorgen, dass kriminellen Kopfjägern nicht Tür und Tor geöffnet wird. " So warnt der Verband der Deutschen Ingenieure vor unseren heutigen Headhuntern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben