Kultur : Heavy Entertainer

VOLKER LÜKE

"Ossie! Ossie! Ossie!" - mehrere Tausende Stimmen brüllen enthusiastisch um die Wette.Hoho, wo sind wir denn hier gelan- det? In der Arena in Treptow, gewiß, doch wer steht da oben auf den Brettern und ist der Born derartiger Glückseligkeit? Eine Mischung aus Gregor Gysi und Guildo Horn? Nein, es ist Ozzy Osbourne, der nach 20 Jahren auch mal wieder für ein Konzert nach Berlin gekommen ist.Einst war er Frontmann der legendären "Black Sabbath", deren simple Durchschlagskraft erst heute seine Breitenwirkung entfaltet und gerade im Fernsehen als passende Untermalung eines Aral-Tankstellen-Werbeclips läuft.1969 in Birmigham gegründet und nach einem Horrorfilm des italienischen Kultregisseurs Mario Bava benannt, stand ihr "wahnsinniger" Erfolg beim Publikum immer in umgekehrtem Verhältnis zur Wertschätzung der meisten Kritiker.So beschrieb sie beispielsweise das Musikmagazin "Sounds" als "eine von den vielen bösen englischen Gruppen, die eine Menge unverdauten, harten Blues und schwere, tausendmal gehörte Gitarrenriffs in den Raum schmeißen, um die Teenager zum Schwitzen zu bringen." Man könnte nun jede Menge faule Ozzy-Witze reißen, schließlich ist er "der Bekloppte, der Fledermäusen auf der Bühne den Kopf abbeißt", aber der Mann hat doch "Charisma" und im Gegensatz zu seinen alten Mitstreitern erstaunliches Durchhaltevermögen bewiesen, indem er eine bemerkenswerte Heavy-Entertainer-Solo-Karriere gestartet hat.Für seinen Auftritt am Pfingstmontag hat sich ein wirklich bemerkenswertes Publikum aus der Region versammelt, den Abend freigenommen von bürgerlichen Konventio- nen und ihre ältesten T-Shirts, Lederhosen und Fransenjacken aus dem Kleiderschrank gekramt.Männer in mindestens dreifacher Überzahl.Väter, die seit einiger Zeit nur noch Aral tanken, haben ihre Kinder mitgebracht, die sie nun auf ihren Schultern tragen und die zweifelsohne ihren Spaß haben.Doch, keine Angst, der Jugendschutz ist nicht gefordert.Auf der Bühne finden keine okkulten Rituale mehr statt, da gibt es keine geschändeten Tiere oder "falsch" herum gehängten Kreuze, dafür eine ehrlich-schwitzige Rockershow mit blanken Oberkörpern, Blendlicht und Wasserspielchen - unter der Decke hängen Wasserspritzen und Ozzy hat sichtlich Spaß den Schlauch ins Publikum zu halten oder kübelweise Eimer auszuschütten.Souverän schraubt sich seine kultige Heldentenorstimme in luftige Höhen, während die Backing-Band ohne Rücksicht auf Verluste einen soliden Best-Of-Ozzy-Querschnitt vom Anfang bis zum Ende lautstark durchholzt.Auch die Balladen bringen kaum Erholung und nach einer guten Stunde Spielzeit kommt schließlich, worauf alle gewartet haben: "Paranoid", die kalkulierte Zugabe und Erkennungsmelodie, Ozzys Ausweis in die innersten Gefilde des Rocker-Tempels.Mit Nachdruck sei an dieser Stelle auf die erstklassige Version "Der Hund von Baskerville" vom Schlagerduo Cindy & Bert verwiesen.Überhaupt erinnert vieles an die Schlagerwelt, Ozzys unermüdliche Mitklatschanimationen, wie er an den Bühnenrand schreitet, um die Huldigungen seiner Fans entgegenzunehmen wie zerzauste Rosen.Gehen wir heim und träumen von der Geburt einer dämonischen Monster-Kreatur, einer Kreuzung aus Ozzy Osbourne und Guildo Horn samt seiner Visualisierung als die wüsteste Grafik, die jemals ein T-Shirt auf einer bierbäuchigen Männergestalt geziert hat.Der "Black-Sabbath-Fan-Club Deutschland" wird seine helle Freude daran haben.

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