Heavy Metal in Jordanien : Höllenlärm und Heldenmut

Heavy Metal gilt in Jordanien als Teufelszeug, doch die Szene hält tapfer dagegen. Ein Besuch in Amman.

Florian Guckelsberger
Nachtleben aufmischen. Die Jugend von Amman sucht nach Alternativen zur kitschigen Habibi-Musik.
Nachtleben aufmischen. Die Jugend von Amman sucht nach Alternativen zur kitschigen Habibi-Musik.Foto: Mauritius Images

Sie erkennen den Spion, wie sie ihn später nennen werden, bereits im Foyer. Er kommt allein, druckst und schwitzt, als sie seine Konzertkarte kontrollieren. Adam Lebzo seufzt. „Wir wussten genau, wer das war.“ Reingelassen haben sie ihn dennoch. „Wir haben doch nichts zu verbergen.“ Lebzo ist Musiker und würde er in Europa oder Amerika leben, seine Geschichte wäre keine besondere. Doch der Gitarrist, Sänger und Bassist Lebzo lebt in Jordanien und spielt Metal. Eine ideale Kombination, wenn man auf ein Leben voller Probleme aus ist.

Der Mann, den Adam Lebzo und seine Freunde Spion nennen, ist Blogger. Seinen Bericht veröffentlicht er kurz darauf auf der Webseite Sawaleif. „Bei öffentlichem Konzert gezeigte Gesten werfen Fragen auf“, behauptet die Überschrift, die mit drei Ausrufezeichen endet und gut auf den Tenor des Stücks einstimmt. Freimaurer hätten sich da getroffen, Empörung sei angebracht. „Er meint die Metal-Hand“, sagt der 23-jährige Lebzo. Geschlossene Hand, Zeige- und kleiner Finger abgespreizt. „Ich habe keinen blassen Schimmer, wie der darauf kommt, wir seien Freimaurer.“ Zu spät. Auf Facebook teilen mehrere tausend Jordanier den Artikel und den körnigen, heimlich gefilmten Konzertmitschnitt.

Lebzos Eltern, strenggläubige Tscherkessen, werfen ihren Sohn aus dem Haus. Der kommt bei Freunden unter und überredet die Sawaleif-Betreiber, seine Gegendarstellung zu veröffentlichen. Die willigen schließlich ein, doch der Artikel zeigt keine Wirkung.

„Was die Menschen hier nicht kennen, macht ihnen Angst“, sagt Mohamad Ismail. Der 33-jährige Jordanier ist seit zehn Jahren in der jordanischen Musikszene aktiv und hat IndiePush gegründet, ein Start- up, das Musik jenseits des Mainstreams eine Plattform bietet. „Seit Umm Kulthum vor 40 Jahren starb, treten wir musikalisch auf der Stelle.“ Der Tod der ägyptischen Sängerin, die noch heute ungemein populär ist in der arabischen Welt, markiert für Ismail eine Zäsur. „Seitdem gibt es im Radio nur noch Habibi-Musik. Wer will das denn hören?“ Die Jugend hat jedenfalls längst andere Helden. Entsprechend sehnsüchtig wurde das von Lebzo und seinen Freunden organisierte Konzert erwartet. Ein Kinosaal, vier Bands, zwei Stunden zwischen roten Sitzen headbangen.

Nationalismus und Militarisierung sind auf dem Vormarsch

Um eine Genehmigung dafür zu bekommen, spielt Lebzo den Beamten die Musik vor und erklärt, worum es in den Liedern geht. Die nächste Herausforderung ist, einen passenden Ort zu finden. Am Ende willigt nur der Besitzer des Rainbow Theaters ein. Doch die Angst vor einer Absage in letzter Minute sitzt Musikern und Fans im Nacken. Es wäre nicht das erste Mal. Keine Fotos! Kein Alkohol! Kein Headbanging! Die Facebook-Einladung zu dem Konzert dokumentiert die Anspannung der Szene. Der Spion und sein Artikel ruiniert dann zwar nicht den Abend, zu dem rund 200 Fans kamen, doch am Morgen liegt Katerstimmung in der Luft.

Was Adam Lebzo und seine Freunde erleben, passt zu einem Trend, von dem viele progressive Jordanier berichten. Die Kriege in Syrien und Jemen und sektiererische Gewalt von bedrückendem Ausmaß vergiften das gesellschaftliche Klima. Nationalismus und Militarisierung sind auf dem Vormarsch, jordanische Schwule und Lesben halten sich noch bedeckter als ohnehin. Zwischen 1500 und 2000 Jordanier sind Daesh beigetreten, wie sie den Islamischen Staat hier abfällig nennen. Nur Saudi Arabien und Tunesien stellen mehr ausländische Kämpfer. In diesen Zeiten wollen weder Regierung noch Königshaus die konservativen Stämme gegen sich aufbringen. „Dinosaurier“ hat König Abdullah II. diese Männer einmal genannt. Auch wenn er die Aussage dem Vernehmen nach nicht bereut, versuchte er anschließend, die Wogen zu glätten. Gegen die Dinosaurier kann der Monarch nicht anregieren.

Einst gab es eine blühende Metal-Szene

Noch in den späten 90er Jahren, berichten ältere Fans, gab es in Jordanien eine lebendige Metalszene. Mit gut besuchten Konzerten und vielen Bands. Tage, die lange zurückliegen. Wer es heute ernst meint mit der Musik, geht fort. So wie die 2003 in Jordanien gegründete Band Bilocate, deren Mitglieder heute in Dubai leben. „Die Menschen waren und sind noch heute sehr feindselig gegenüber unserer Musik“, sagt Adam Lebzo. „Manchen Musikern wird das Leben zur Hölle gemacht“, ist sich auch Mohamad Ismail von IndiePush sicher. „Teil einer Gegenkultur zu sein, ist gefährlich an einem Ort, wo Menschen Veränderungen fürchten.“

Wie gefährlich, zeigt ein Vorfall aus dem Jahr 2013. In einem Waschraum der Universität Al al-Bayt finden Studenten verkohlte Korane und ein Mob aus rund 200 Leuten stürzt sich auf fünf Kommilitonen. Das seien Rock hörende Teufelsanbeter in schwarzer Kleidung, wird sich später einer der Angreifer rechtfertigen. Die Unglücklichen werden verprügelt bis die Polizei eintrifft. Doch statt die Schläger zurückzudrängen, verhaften die Beamten die Opfer, ein salafistischer Imam fordert gar die Todesstrafe. Es ist wohl auch dem Druck der US-Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zu verdanken, dass die Opfer schließlich freikommen.

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