Hebbel am Ufer : Was gibt’s bei der Kündigung zu essen?

„Tokio-Shibuya: The New Generation“ – die Japan-Veranstaltungen im Hebbel am Ufer.

Patrick Wildermann

Die Ratten sind ein gutes Beispiel für unseren Blick auf die Fremde. Auf dem Bildschirm im Foyer des Hebbel Theaters sieht man dem Künstlerkollektiv Chim/Pom bei der quietschfidelen Nagerjagd zu, beherzt klopfen die jungen Performer auf die Abfallsäcke, die in den Tokioter Einkaufsstraßen aufgetürmt werden, und fangen die daraus flüchtenden Viecher mit dem Kescher. „Super Rat“ haben sie ihre Installation genannt, die im Rahmen der Japan-Reihe „Tokio-Shibuya“ im Hebbel am Ufer läuft.

Superratten, so bezeichnet man in Tokio jene Müllbewohner, die gegen alles Gift immun geworden sind. Äußerlich unterscheiden sich die mit Wackelvideokamera gefilmten Tierchen erst mal nicht von der gemeinen Berliner Kanalratte, doch nach erfolgreichem Fang haben die Chim/Pom-Kreativen sie gelb angemalt, ausgestopft und wie die Pokémon-Figur Pikachu gestylt, die im Westen fast jedes Kind kennt. Japan ist turboverwestlicht und traditionsverwurzelt, voll von Widersprüchen und Codes, die Europäer nur schwer knacken können.

Matthias Lilienthal, der HAU-Chef, hat seine Reihe aus Theater, Konzerten und Debatten, die anlässlich der Berliner Asien-Pazifik-Wochen stattfindet, nach einem hippen, hochfrequentierten Tokioter Stadtteil getauft: Shibuya, dieses Viertel ist die Szenemeile der Mode- und Musikläden, Clubs und Love Hotels. Lilienthals Interesse gilt einer neuen Künstlergeneration, den Theatermachern um die dreißig, die mit den Erfahrungen der neunziger und der nuller Jahre aufgewachsen sind, als in Japan die Wirtschaftsblasen platzten und man sich von Vollbeschäftigungs- und dem unbedingten Glauben an Sekundärtugenden wie Fleiß und Disziplin zu verabschieden begann.

„Auf jeden Fall ist die japanische Nulldekade in einer überaus düsteren Atmosphäre verstrichen, in der alles verlorenging“, konstatiert der japanische Kulturtheoretiker und Posttechno-Label-Betreiber Atsushi Sasaki, der am HAU mit Christoph Gurk über „Die kulturellen Metamorphosen Japans seit den 90er Jahren“ diskutierte. Ein Vertreter dieser hoffnungsgeschädigten Nachwuchsgeneration ist der Regisseur Toshiki Okada, der in Berlin eine großartige Choreografie mit dem Titel „Air Conditioner“ zeigt.

Um soziale Kälte und zu kühle Klimaanlagen geht es da in absurd-amüsanten Dialog-Loops. Zu Beginn diskutieren drei Leiharbeiter, sich verbiegend, über das Abschiedsessen einer gekündigten Kollegin, die zum Schluss eine irrlichternde, atemlose Ansprache halten wird. Dazwischen begegnen sich ein Mann und eine Frau in Businesskleidung und reden über das Büroleben bei 23 Grad, jede Berührung wird dabei gemieden, so was ist in Japan öffentlich nur im Falle der Notbeatmung statthaft, die Szene hat in ihrem komischen Krampf fast etwas Marthalerhaftes. Prekäre Arbeitsverhältnisse, dieses Problem kennt man auch hierzulande, aber trotzdem erkennt man es auf der Bühne erst mal nicht wieder. Das Stück ist weder Betroffenheitsschau, noch beschleunigte Pollesch-Hysterie, sondern ein seltsamer Tanz im Ton des Unbekümmerten – und, was soll es bei deiner Kündigung zu essen geben? Nach Popdiskursjargon heißt die Methode wohl: Das Eigentlich wird so lange mit dem Uneigentlichen umstellt, bis es zumindest als das Abwesende erkennbar wird.

Leistungsdruck, das ist noch so ein fremd-verwandtes Thema, das die Japaner umtreibt. In der Arbeit „Frustrierendes Bilderbuch für Erwachsene“ von Kuro Tanino, einem Theater-Quereinsteiger und gelerntem Psychiater, erwächst daraus eine famose, freudianisch aufgeladene Fabel, die sich aus dem japanischen Märchenfundus bedient und Beckett-Atmosphäre hat. In einer Guckkastenbühne mit Unterbewusstseins-Keller wird ein Abiturient, der sich auf die gefürchtete Uni-Aufnahmeprüfung vorbereiten muss, von Albträumen geplagt. Verwachsene Wesen mit Schweins- und Schafsgesicht geistern durch seine Vision, zwei steckengebliebene Baumstämme in Boden und Decke künden von Wachstumshemmung, und immer wieder bricht die Libido des jungen Mannes heraus. Auch das ist wohl typisch für Japan und unser Verständnis von diesem Land: Dieses merkwürdige Nebeneinander von Porno und Prüderie. Sehr befremdend, sehr faszinierend.

Noch einmal am heutigen Sonnabend. Infos: www.hebbel-am-ufer.de

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