Kultur : Hebbel Theater: Ein Käfig voller Narren

Nicholas Körber

Seit Emma Thompsons furiosem Auftritt im Berlinale-Beitrag "Wit" ist das dem Film zu Grunde liegende Theaterstück von Margaret Edson in aller Munde: Darf man den Tod eines Menschen exhibitionistisch zur Schau stellen? Im Hebbel-Theater wollte die Gruppe "Des Chaises, Un Texte" noch einen Schritt weiter gehen. In ihrer Reihe zeitgenössischer Texte Französisch schreibender Autoren präsentierten sie eine szenische Lesung von "Ein ungelegener Besuch". In dem Stück des 1988 verstorbenen Argentiniers Copi wird der Tod eines an Aids erkrankten Bühnenstars als schrille Boulevard-Kommödie inszeniert. Garniert mit flotten Dialogen tanzt die Handlung einen überdrehten Reigen rund ums Krankenbett: Der Sterbende verführt die Krankenschwester zum Drogenkonsum, die daraufhin zur Mörderin wird, der Arzt pflanzt einer zu Besuch kommenden Operndiva ein neues Gehirn in den Schädel, und auch die übrigen Beteiligten haben ihren Spaß. Das im Orchestergraben untergebrachte Publikum konnte feststellen, dass das affektierte Geplapper homosexueller Schauspielerdiven sich bestens mit den künstlich-komischen Dialogen des Boulevard-Theaters verträgt. So gut, dass man leicht vergessen konnte, dass man es mit einer Genreparodie zu tun hatte. Boulevard bleibt Boulevard, auch wenn er von Aids-kranken Schwulen bevölkert wird. Somit fühlte man sich weniger an Tunten-König Pedro Almodovar als an die Boulevard-Götter Carl Heinz Schroth und Johannes Heesters erinnert. Tatsächlich hätten sie der Aufführung auch gut getan. Denn die Mitglieder des Ensembles hatten beträchtliche Mühe, die Sätze richtig zu betonen und Versprecher zu vermeiden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar