Kultur : Hebbel-Theater: Ein Knicks für Kurt

Ulrich Amling

Das Kleid ist einfach zauberhaft. Ärmellos fließend, endlos schwingend und der Rücken so tief. Ein ahnungsvolles Umspielen des Körpers, dass die Fantasie beschleunigt und ein Geheimnis behalten kann. Doch was ist das? Unter dem himmlischen Saum ragen Ballerina-Schühchen hervor, vollführen einen kindlichen Knicks, untermalt von einem girrenden Stimmchen. Schlagartig ist sie fort, unsere Illusion. Da steht Meret Becker auf der Bühne des Hebbel-Theaters - und das Kleid steht neben ihr. "Ich danke Kurt Weill dafür, dass er so schöne Lieder für Mädchen wie mich geschrieben hat", sagt sie, wirft ein Dia des kleinen Mannes mit der großen Brille und dem fein geschwungenen Mund an die Wand und liest artig Lebensdaten vom Blatt.

Ganz das öffentliche Mädchen, berlinert Meretlein ganz reizend ins Publikum hinein, knickst, kickst, hickst. Ein Bühnenwesen, dass unter Aufbietung zirzensischer Kräfte verhindern will, jemals mit "Frau Becker" angesprochen zu werden. Das wäre, nach all den Jahren, die wir sie und ihre singende Säge jetzt kennen, einmal eine neue Facette. Vielleicht würde uns dann auch interessieren, warum die Dame in diesem zauberhaften Kleid den Komponisten Weill so sehr liebt. Und wem ihr "Speak Low" gelten könnte, diese lebensweise, lebenstraurige Liebeserklärung: "Time ist so old / And love so brief / Love is pure gold / And time is a thief." Doch was weiß es schon von der verrinnenden Zeit, das ewige Kind! Meret Becker tourt so hochfrequent durch ihr von den Songs der "Dreigroschenoper" dominiertes Programm, dass man unwillkürlich denken muss: ganz die junge Lenya. Ein gedanklicher Kurzschluss, auf den der Abend offen spekuliert. Allein: Höhen ohne jede Tiefe sind nur schrill.

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