Kultur : Hebbel-Theater: Hennenrennen

Ulrich Amling

Es beginnt wie ein wildes Theatermärchen: Die Türen zum Zuschauerraum des Hebbel-Theaters fliegen auf, und ein Trupp Damen in Kittelkleidern macht sich gestikulierend daran, die Herrschaft über den Kulturbetrieb zu übernehmen. Italienische Wortfetzen fliegen, Pantoffeln klappern, aus Lappen trieft Wasser. Putzen an die Macht, aber presto! Mit ihrer Choreografie "Animarrovescio" zieht es Adriana Borriello nach Stationen in Béjarts Mudra-Schule und der Compagnie von Anna Teresa de Keersmaeker zurück zu ihren südeuropäischen Wurzeln. Der Anthropologie des Tanzes will sie sich widmen, Rituale erforschen, die die "Beziehungen zum Unbekannten und Magischen" ordnen. Berlins italienische Gemeinde fieberte zusammen mit italophilen Tanzfans einem sinnlichen Abend entgegen.

Zunächst setzt es feuchte Augen. Die Tänzerinnen prügeln das Wischwasser aus den Putzlumpen, treiben das Nass bis in die Zuschauerreihen. Sie rutschen durch den Raum, so weit die Lappen tragen, fallen theatralisch auf den spiegelglatten Boden. Die Gemüter erhitzen sich, der keifende Wisch-Mopp schäumt. Doch aus dem hysterischen Rudelfeudeln scheint es keinen Ausweg zu geben. Das soll wohl archaisch wirken, ebenso wie die zankenden Fischweiber im zweiten Bild, die so planlos zum Baltzen schreiten, dass es einem diesmal Tränen in die Augen treibt. Dazu streicht ein Gesangsquartett über die Bühne, dessen traurig intonierte Lieder (Komponistin: Giovanna Salviucci Marini) einen wackeligen Brückenschlag zwischen italienischer Neoklassik und Volkslied versuchen. Sicher: Man muss das Fantastische mit dem Banalen erschaffen, hat Max Ernst gesagt. Allein, hier löste sich nichts von der betonten Ärmlichkeit des Geschehens. Kein Gedanke, keine Sehnsucht strebt über das folkloristische Hennenrennen hinaus. Als Auftritt eines Volkshochschulkurses mag Borriellos Choreografie unter "Avanti dilettanti"-Rufen durchgehen. Auf einem internationalen Festival ist sie fehl am Platz.

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