Kultur : Heddy Honigmann: Erinnere dich an nichts als den Klang

Nadine Lange

Wortlos, haltlos, hemmungslos fallen sie ineinander. Schlafen halb angezogen auf dem Teppich miteinander. Wissen nicht einmal, wie der andere heißt. Als der fiebrige Moment vorüber ist und sie sich ihre Namen - Jan und Laura - genannt haben, sagt er: "Ich bin verheiratet." "Glücklich?" "Ja." Trotzdem geht ihre Geschichte weiter, denn beide sind schlecht im Abschiednehmen. Noch dreimal werden sie es versuchen, dreimal werden sie miteinander schlafen und wegen einer dritten, nach deren Namen Laura dreimal fragt, wird der Abschied schließlich gelingen. "Ann", sagt Jan zu Laura. Es ist das letzte Wort in "Tot ziens" ("Auf Wiedersehen") von Heddy Honigmann.

Diese ungewöhnlich dichte Studie einer Leidenschaft gehört zu den wenigen Filmen der niederländischen Regisseurin, die bisher in Deutschland zu sehen waren. Im Arsenal wird er nun in der Reihe "Woanders sein" noch einmal gezeigt (am 10. und 11. Mai). Bis Ende des Monats stehen aus dem bisher 23 Produktionen umfassenden Werk der Regisseurin zehn weitere Filme auf dem Programm. Auffällig an Honigmanns Arbeiten ist vor allem, dass sie sich nicht auf ein Genre festlegen lassen: Es gibt kurze und lange, dokumentarische, semi-dokumentarische und fiktionale Filme fürs Kino und fürs Fernsehen. Einige Werke sind politisch, andere poetisch, aber immer sind sie sehr persönlich. So antwortete Honigmann zum Filmstart von "Tot ziens" vor fünf Jahren auf die Frage, warum sie den Film gemacht habe: "Ich war reif dafür. Ich hatte selber schon alle drei Situationen erlebt: Geliebte, untreue Ehefrau und Betrogene." Bei den meisten ihrer Filme lässt sich eine derartige Motivation oder ein persönlicher Bezug ausmachen. Zentrale Themen in ihrem Werk sind Exil, Fremdsein und Erinnern, die auch in ihrem eigenen Leben von Anfang an eine wichtige Rolle spielten.

Heddy Honigmann wurde 1951 in der peruanischen Hauptstadt Lima geboren. Ihre Mutter war ein polnische Jüdin, deren Familie kurz vor Kriegsausbruch nach Peru emigriert war. Der Vater, ein österreichischer Jude, der in der Roten Armee gekämpft hatte, kam nach dem Krieg ins Land. Die Eltern sprachen Spanisch und Jiddisch miteinander. Der Vater schickte Heddy auf eine französische Schule, und auf sein Drängen studierte sie später Biologie, wechselte jedoch bald zur Philologie. Anfang der Siebziger wurde sie an der Filmschule von Rom angenommen, wo sie ihren späteren Mann Frans van de Staak kennen lernte. Gemeinsam zogen sie 1978 in die Niederlande.

Zwanzig Jahre nach ihrem Weggang kehrte Heddy Honigmann in ihre Geburtstadt zurück, um dort die Dokumentation "Metaal en melancholie" (6. und 8. Mai) zu realisieren. Darin porträtiert sie Lehrer, Hausfrauen, Polizisten, die alle noch einen Zweitjob haben: Taxifahren. Bei den Gesprächen und Fahrten im Auto entwickelt sich aus der Mikroperspektive das spannende Panorama einer Sieben-Millionen-Metropole. Der Film wurde ein doppelter Erfolg. Er etablierte Honigmann als Regisseurin und: "Er hat mir meine Jugend zurückgegeben, mir Flügel gegeben, Freiheit."

Ebenfalls in Südamerika entstand 1996 die wundervolle Dokumentation "O Amor natural" (12. und 14. Mai), in der Heddy Honigmann alte Frauen und Männer aus einer erotischen Anthologie des brasilianischen Dichters Carlos Drummond de Andrade vorlesen lässt. Am Strand, beim Friseur oder im Café tragen sie die Texte vor. Erfreut wiederholt eine alte Dame die Zeile "Und um uns von der Liebe auszuruhen, gehen wir zu Bett". Sie fragt ihre Freundin, ob sie so etwas mal erlebt habe. Hat sie, und sie erzählt es voller Stolz. Schnell kommen die Lesenden von den Gedichten zu ihren eigenen erotischen Geschichten und damit auch wieder zu Honigmanns Gegenstand: Erinnerung.

Am intensivsten hat sie sich damit 1988 in der Romanverfilmung "Hersenschimmen" (5. und 18. Mai) beschäftigt. Sie erzählt von einem niederländischen Rentnerpaar, das in einem einsamen, verschneiten Haus in Kanada lebt. Schnell wird deutlich, dass mit Maarten etwas nicht stimmt: Er vergisst, was er am Morgen getan hat und erkennt die Menschen im Fotoalbum nicht mehr. Maarten hat Alzheimer. In seinem Kopf sieht es bald ebenso gleichmäßig hell und weiß aus wie in der Landschaften rund um das Haus. Nichts hebt sich mehr ab, nichts hat Bedeutung - bis sogar seine Frau nur noch "die Frau mit dem Kaffee" ist. Für Menschen im Exil sind Erinnerungen besonders wichtig. Eindrucksvoll wird das auch in "Het ondergronds orkest" (19. und 22. Mai) deutlich. Auf Pariser Straßen und in der Metro begleitet die Regisseurin Musiker aus aller Welt. Wenn sie den Geiger aus Sarajevo, die Sängerin aus Zaire oder den Cellospieler aus Rumänien bei der Arbeit im Freien und in ihren Wohnungen zeigt, wird klar, dass die Klänge der fernen Heimat die Musiker nicht nur durch das erspielte Geld am Leben halten - sie schaffen ihnen in der Fremde vielmehr einen bekannten, warmen Ort.

In "Crazy" (20. und 21. Mai) führt Musik ebenfalls zurück in eine andere Welt - allerdings eine der grauenvollen Erinnerungen. Holländische UN-Soldaten erzählen von ihren Einsätzen und hören am Ende ihres Berichtes ein Lied, das ihnen während ihrer Zeit in Kambodscha, Korea oder Bosnien wichtig war. Auf den Gesichtern, die oft älter wirken, als sie sind, wird erst jetzt der Horror der Erinnerung sichtbar. Nur ein einziger Soldat sieht gerade in die Kamera. Er hört "Sunday, Bloody Sunday" von U 2. Seine starren Augen sind voller Trauer. Man kann diesen Blick tränenlos kaum aushalten - ein unvergessliches Filmbild.

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