Kultur : Hedwig Bollhagen: Pünktchen an Ton

Katrin Bettina Müller

Die weißen Haare zurückgekämmt, mit karierter Schürze, ihre "Pötte" vor sich als sichtbares Ergebnis ihrer Hände Arbeit: die Fotos zeigen Hedwig Bollhagen als eine schöne alte Frau. Aufgebrochen mit den Reformbewegungen von Bauhaus und Werkbund Ende der 20er Jahre, transportierte sie ein Stück dieser Ästhetik der Moderne durch zwei Diktaturen bis ans Ende des Jahrhunderts, bis zu ihrem Tod vor wenigen Wochen, am 8. Juni. Dafür wird sie bewundert und nun mit einer Sonderausstellung im Berliner Kunstgewerbemuseum geehrt. Blaugraue Streifen, Punkte und rote "Zitterlinien" auf Kannen, Tassen und Tellern sind das Markenzeichen einer Künstlerin, für die "Einfachheit" den höchsten Maßstab verkörperte. In den 90ern wurde sie zu einer integrativen Figur zwischen Teetrinkern und Kuchenessern in West und Ost: Die "HB-Werkstätten für Keramik" in Marwitz wurden Ziel kleiner Pilgerreisen.

Die Ausstellung, die das Kunstgewerbemuseum aus seinen umfangreichen Bollhagen-Beständen zusammengestellt hat, beginnt mit Arbeiten aus den Steingutfabriken Velten-Vordamm, in der Hedwig Bollhagen von 1927-32 die Malerei-Abteilung leitete. Dort lernte sie die Bauhausmeister Theodor Bogler und Werner Burri kennen, die ab 1934 dann auch in Bollhagens eigener Werkstatt Aufträge übernahmen und dabei eine fast architektonische Formsprache für die Keramikobjekte entwickelten. In einer Obstschale mit Sieb, steiler Wandung und einer Mischung aus Würfelmuster und Streifen setzt sich Hedwig Bollhagen mit dieser konstruktiven Formgebung auseinander. In vielen ihrer erfolgreichen Entwürfe erscheint diese Sachlichkeit jedoch gemildert, ihre Dekore geben sich bodenständig - "Zeitlosigkeit" gemischt mit Nostalgie.

Anders als viele Reformgestalter überlebte sie mit ihrem Betrieb die Zeit des Nationalsozialismus - ihr Handwerkerstolz bot keine Angriffsfläche. Lange hielt sie dann in der DDR die Fahne des privaten Unternehmertums hoch, bevor auch ihre Werkstätten 1972 verstaatlicht wurden. Von 1969 stammt ein Mokkaservice aus schmalen weißen Zylindern mit rosa Rand und schwarzen Punkten, das in der Zeit der Formalismus-Debatte als Argument für Geometrie, Reduktion und Abstraktion dastand. Die Keramik war zu einem Schlupfwinkel für die verfemte Moderne geworden, und das gab ihr eine Bedeutung über den alltäglichen Gebrauchswert hinaus. 1992 wurde der Betrieb reprivatisiert.

Neben den populären Serien zeigt das Kunstgewerbemuseum vor allem viele Einzelstücke, Vasen und Schalen aus Bollhagens "privater Ideen-Küche". Die Muster aus Streifen, Netzen, Kreuzen verfeinern sich zu komplexen Ornamenten auf den fast immer kleinen Stücken, oft erdig im Ton, schwarz-grau bemalt und glasiert. Das waren keine Vasen für repräsentative Zwecke, eher sieht man sie auf einem Bord in der Küche die Zeitläufe überdauern. Erst in den 70er Jahren weichen einige Schalen mit eingedrückten Wänden und schmale elliptische Zylinder von dieser archaischen Optik ab. Man könnte in ihren Mustern und Formen ein Echo der konkreten Kunst vermuten - im Bollhagen-Universum sind sie Solisten geblieben.

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