Kultur : Hefekuchen und Urlaubsschlager Musiktheater mit Bärbel Bolle

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Auf der Website der Machina Recordatio (www.machina-recordatio.de) kann man sich bis tief in die Nacht verlieren. Das Projekt enthält Antworten alter Menschen zu grundsätzlichen Fragen des Lebens: Liebeskummer, Berufung, Trauer, Mobbing, Hefekuchen oder Kinderwindeln, aber auch Erinnerungen an Musikstücke, die einen Menschen durchs Leben begleiten. Diesen Erinnerungsschatz haben Maria Magdalena Ludwig und die Komponistin Manuela Kerr als Material für ihr Musiktheaterstück „Dem Weggehen zugewandt“ verwendet (noch einmal am heutigen Sonntag, um 20 Uhr im Radialsystem). Als Verbindung zwischen den Zitaten, die wie große Soli von Schauspielern szenisch umgesetzt werden, dienen Passagen aus dem Buch „Zwischenland. Erkundungen“, in dem die 90-jährige Autorin Ilse Helbich die Zumutungen des Alterns mit der Neugier und Präzision einer Forschungsreisenden beschreibt.

Verwoben und flankiert ist das alles mit Einwürfen des jungen Solistenensembles Kaleidoskop und eines bunt gekleideten Chors der Alten. Die Komponistin widersteht der Versuchung, gegen die Musikalität und die vom Leben geschliffene Poesie aufzutrumpfen, mit denen eine lebenserfahrene Stimme einen bloßen Ratschlag zur glaubwürdigen Lebensweisheit adeln kann. Kerr beschränkt sich daher mit vorsichtiger Distanz auf knappe Klangskizzen, zu denen ein Walzer mit Sirenenklang oder eine hübsche chorische Studie über Kaffeetassengeräusche gehören. Wenn aber Bärbel Bolle in der Rolle einer Witwe mit den großen, tiefen und wahren Gefühlen ringt, die ein unerbittlich wiederholter banaler Campingurlaubsschlager bei ihr auslöst, dann entsteht für einen Moment ganz große Oper. Carsten Niemann

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