Kultur : Heftige Bewegung

Neues Bauen in Berlin: Das „Classicon“ am Leipziger Platz

Jürgen Tietz

Als schönster Platz in Berlin gilt gemeinhin der Gendarmenmarkt. Doch um den geht es hier nicht, sondern um den Leipziger Platz. Ein Platz im Entstehen, denn bis alle Häuser rund um das „Oktogon“ fertig gestellt sind, gehen noch einige Jahre ins Land. Jetzt wurde das Geschäfts- und Wohnhaus „Classicon“ am Leipziger Platz 9 vorgestellt.

Rund 45 Meter misst seine Platzfassade, die nach Entwurf von Christof Langhof entstanden ist und eine der acht Platzecken einschließt. Wer Langhofs Bauten kennt, weiß, dass der Architekt stets für Aufsehen erregenden oder verspielte Einfälle gut ist. Am Leipziger Platz musste er sich zwar an die engen Vorgaben der Stadtplanung halten. Gleichwohl bemühte sich Langhof, seinem Haus ein Motto zu geben und ein Gesicht, das es im Einerlei der „kritisch rekonstruierten“ beigen Fassaden wieder erkennbar macht. Geht es Langhof doch darum, für den Investor eine architektonische Marke und ein erfolgreiches Produkt zu schaffen.

So zeigt sich „Classicon“ als Versuch einer modernen Meditation über das klassische Motiv des Mäanders, der seinen Namen dem vielfach gewundenen Lauf des Flusses Maiandros verdankt. Schon den doppelgeschossigen Sockel des Hauses, der Ladenlokalen vorbehalten ist, bringt der Architekt in Bewegung. Nicht nur, dass die mit Sandstein hell verkleidete Wand im unteren Bereich leicht abgeschrägt wurde; auch die Schaufenster verspringen lustig gegeneinander.

So soll die Fassade Spannung und vor allem Relief erhalten. Das setzt sich auch in den anschließenden Obergeschossen fort, die aus gefärbtem Beton errichtet wurden. Hier wird der Eindruck von den Fensterbändern dominiert, die im Wechsel vortreten und zurückweichen und eine Erinnerung an Bauten der Klassischen Moderne wachrufen. So gut, so dekoriert. Doch während die fünfgeschossige Bürozone liegende Fensterformate zeigt, bieten die vier Wohngeschosse darüber das Kontrastprogramm mit stehenden Formaten – im Wechsel mit ausgestanzten Blechen als Sichtschutz. Nur die oberste Etage wurde von dieser extensiven Ornamentierung verschont. Und leider geht Langhofs dekoratives Raster zum benachbarten Haus von Axel Schultes auch nicht komplett auf und bricht einfach ab.

Der Eingang zum Gebäude wurde in die Platzecke geschoben. Doch wer an solch prominenter Adresse ein Entree von hoher Noblesse erwartet, wird enttäuscht. Klein ist das Foyer vor dem Fahrstuhl, auch wenn es durch Spiegel künstlich geweitet wird. Von der Kunst der Repräsentation, von der Großzügigkeit gründerzeitlicher Foyers ist hier nichts zu bemerken.

Das allerdings dürfte kaum die Schuld des Architekten sein. Schließlich geht es auch beim „Classicon“, das für einen offenen Immobilienfonds errichtet wurde, nur in zweiter Linie um die Architektur und in erster Linie um die Rendite. Wen wundert es da, dass die eingeforderten zwanzig Prozent Wohnnutzung des Hauses in zwölf Luxuswohnungen eingeflossen sind, die für 14 Euro pro Quadratmeter Kaltmiete feilgeboten werden. So entsteht mit dem Leipziger Platz zwar eine Art Schlussstein in der „kritischen Rekonstruktion“ der Berliner Mitte aber sicher nicht der schönste Platz in Berlin. Doch egal! Der Titel ist ohnehin bereits an den Gendarmenmarkt vergeben.

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