Kultur : Hegel zum Frühstück Die Publizistin Wendy Lesser liest die Bücher ihrer Jugend neu

Alexander Visser

„Ich bin keine große Theoretikerin“, sagt Wendy Lesser. Dennoch will die kalifornische Publizistin dem internationalen Publikum in der Berliner American Academy das konzeptionelle Fundament ihres neuen Buches erläutern. Schließlich sei sie zu Besuch in einem theoriefreudigen Land, „in dem schon beim Frühstück über Hegel diskutiert wird“. Als Holtzbrinck-Fellow der Akademie am Wannsee hatte sie seit September Zeit, deutsche Frühstücksgewohnheiten zu beobachten.

„Nothing Remains the Same: Rereading and Remembering“ heißt das Buch. Es handelt vom Wert des Wiederlesens von Büchern. Lesser untersucht das offensichtliche Phänomen, dass man ein Buch in der Jugend mit anderen Augen liest als mit Ende 30. Es sind so unterschiedliche Klassiker wie „Don Qixote“, Dostojewskis „Idiot“, „Huckleberry Finn“ oder „Portrait of a Lady“ von Henry James, die sie sich neu vorgenommen hat.

Wiederlesen sei eine Art „Triangulation“, also – wie in der Seefahrt – die Bestimmung eines unbekannten Ortes anhand bekannter Fixpunkte. Die Punkte sind das Buch und die verschiedenen Ichs zu verschiedenen Zeitpunkten. Lesen ist für sie ein wechselseitiges Spiel zwischen Text und Leser, ähnlich wie bei Schauspieler und Zuschauer. „Jeder Leser bringt etwas anderes mit in das Buch“, sagt sie. Auch der Austausch mit anderen Lesern sei für ihre Lektüreerfahrung wichtig. Heute dürfe man das ja so sagen. In ihrer Studienzeit Ende der Siebziger sei man noch mit allerlei „Ismen“ gequält worden, mit denen Texte einzuordnen seien. Der Leser sei, so damalige Theoriekonstrukte, nicht im selben Raum wie die Literatur. Diese vor-Einsteinsche Weltsicht sei überwunden: Denn natürlich verändere sich das beobachtete Objekt durch die Beobachterin – und die Beobachterin durch die Zeit.

So entdeckte erst die ältere Wendy Lesser, dass „Anna Karenina“ zwar Titelfigur in Tolstois Roman ist, sich der Autor aber viel mehr für die Figur von Natascha interessiert habe. Und in George Elliots „Middlemarch“ habe sie erst beim Wiederlesen durch alle Handlungsstränge überdeutlich die Stimme der Autorin gehört. Als junge Frau sei ihr Elliots Weltsicht zu fremd gewesen. Lesser findet viele Beispiele, wie sich ihre Wahrnehmung ihr wichtiger Bücher verändert hat, und regt den Leser an, über eigene Wahrnehmungsmuster nachzudenken.

Eigentlich, sagt Lesser beim alkoholfreien Stehempfang, arbeite sie in Berlin an einem Text über einen kürzlich verstorbenen Freund. Doch zum Schreiben kommt die Herausgeberin von „The Threepenny Review“ kaum. Sie fährt lieber mit Bus und Bahn quer durch die Stadt und besucht begeistert klassische Konzerte: Es gebe ein hervorragendes Angebot, das dennoch bezahlbar sei und daher ein bunt gemischtes Publikum anziehe. „Ich habe noch nie eine Stadt mit einer so lebendigen Musikszene erlebt“, schwärmt der Gast aus Berkeley.

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