Kultur : Hegen und legen

Die Galerie Hetzler überrascht mit neuen Arbeiten des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto.

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Skulpturale Hängematte. Ernesto Neto mit seiner Arbeit „encurralado na rede“ von 2013. Foto: def image / Courtesy: Neto & Galerie Max Hetzler
Skulpturale Hängematte. Ernesto Neto mit seiner Arbeit „encurralado na rede“ von 2013. Foto: def image / Courtesy: Neto & Galerie...

Wie ein Stück Dinosaurierknochen steht sie da. Eine amorphe, ausladende Skulptur, darin der Künstler in einer Hängematte. Wunderbar entspannt. Dabei scheint Ernesto Netos Künstlerdasein das Gegenteil von Müßiggang zu sein – und schon gar keine Hängepartie. Kein Spitzenmuseum zwischen New York und Tokio, in dessen Bestand die Werke des 1964 in Rio de Janeiro geborenen Bildhauers nicht zu finden wären. Neto ist auf den Biennalen von São Paulo bis Venedig ebenso präsent wie in den international exklusivsten Sammlungen. Das Geheimnis des quirligen Brasilianers: „Mein Atelier ist meine Hängematte!“ Sagt es, springt auf und führt die praktischen Dimensionen der eigentlich klassischen Stahlskulptur vor. Mit Steckverbindungen wird das Ruhelager entfernt. Zum Waschen oder nach einem Regen zum Trocken, außerdem ist es ist ein wichtiges Begleitutensil – ein Stück Heimat im Jetset.

Doch geht es nicht nur um den symbolischen Charakter. „Encurralado na rede“ – sinngemäß: eingeschlossen im Netz – lädt die Besucher ein, sich auszuruhen, nachzudenken und in seiner dritten Einzelausstellung bei Hetzler zu staunen, die ab heute zu sehen ist. Denn wer die raumgreifenden und alle Sinne überwältigenden Skulpturen erwartet, mit denen Ernesto Neto berühmt geworden ist – die überdimensionalen, von der Decke hängenden Tropfen, die den Duft von Gewürzen verströmen –, der könnte fast ein wenig enttäuscht sein.

Statt wolkig weicher Materialien: organische Kolosse aus korrodierendem Stahl (100 000–200 000 US-Dollar); statt pastellener Farbigkeit erdig dunkle Holz- und Rosttöne – und zum ersten Mal in größerem Umfang fotografische Arbeiten. Kunsthistorische Vorläufer wie Auguste Rodin, Paul Gaugin oder Joseph Beuys werden anhand weniger zentraler, dafür aber materiell ungewöhnlicher Skulpturen fotografisch ergründet. Was der Ausstellung den Titel „Notes, Stones and Dots“ verleiht.

Eine Reaktion auf das Image des Kuschel-Künstlers sei das nicht. Nur eine andere Denkrichtung. Eine Parallele, mit der Neto neue Möglichkeiten erforsche. Tatsächlich wirkt das konzeptuell stringent, ohne die Sinnlichkeit zu verlieren, die seine bisherigen Skulpturen so magisch macht. An denen arbeitet er ohnehin weiter. „Jetzt geht es um die Kommunikation. Und es ist etwas leiser“, sagt Neto. Und gleich beginnen die schwarzen Locken über den wachen, braunen Augen zu wippen. Er greift zu einer kleinen Plexiglasscheibe, die mit wenigen Handgriffen mitten auf die Fotografie montiert wird, und verschwindet erneut. Hinter einer Stellwand steht eine Palette aus dem Blumengroßhandel. Er zupft eine winzige Topfpflanze aus dem Sortiment und stellt sie auf die gläserne Plinthe. Ein Stück Natur vor der Fotografie des Gipsabgusses von Rodins Bronze „Das eherne Zeitalter“. Kein ironischer Kommentar, sondern eine der vielen Schichten, die sich aus den Korrespondenzen ergeben. Und ein Hinweis an die Sammler. Niemand soll denken, er könne sich einen Neto jetzt ganz einfach an die Wand hängen. So, wie man sich um die fragilen, Textilskulpturen kümmern muss, so gilt es nun, die Pflanzen zu den Fotografien (18 000–25 000 US-Dollar) zu hegen und pflegen. „Die Pflanzen sind unsere Familie. Wir sind Natur!“, ruft Neto aus und erläutert wortreich den Unterschied zur Kultur – von Platon bis zum Christentum, und dass er nicht an die untergeordnete Rolle des Körpers glaube.

So nähert sich der Bildhauer seinem fotografischen Objekt denn auch mit geradezu physischem Einsatz. Holt die Ausschnitte so nah, dass eine taktile Qualität entsteht. Mit den Augen berührt, erscheinen die Wölbungen von Beuys' kleiner „Tierfrau“ aus Eisen in der großen Fotografie wie eine zersplitterte Hautlandschaft. Gekrönt von einem Farn stehen die Rodin-und-Beuys-Fragmente im Raum wie einst die „Farb-Körper“ von Hélio Oiticica. Dem Erfinder der Tropicália und neben Lygia Clark oder Lygia Pape einer der wichtigsten Vertreter des Neo-Concretismo. Dieser ureigenen brasilianischen Moderne, die nun auch vom Kunstmarkt gefeiert wird. Der streckt die globalen Fühler mittlerweile gen Brasilien aus. Wofür nicht nur Neto und ebenso erfolgreiche Kolleginnen wie Beatriz Milhazes oder Adriana Varejao stehen.

Die Züricher Daros-Stiftung präsentiert ihre rund 1000 Werke umfassende Lateinamerika-Sammlung seit März am Zuckerhut. Jay Jopling, Begründer der legendären Londoner Galerie White Cubes, hat im Dezember in São Paulo seine siebte Dependance eröffnet und Namen wie Larry Gagosian oder Hauser & Wirth seien auch schon gefallen, erzählt Neto. Und dass dies nicht ohne Spuren bleibt. In São Paulo sollen viele Künstler in erster Linie nur noch für den Markt arbeiten. Als es in Brasilien für die jüngere Generation kaum Ausstellungsmöglichkeiten gab, gründete er mit Laura Lima und Marcio Botner den Künstlerraum A Gentil Carioca. Auch das eine Erfolgsgeschichte. In diesem Jahr begeht die nach wie vor von Künstlern betriebene Galerie ihr zehnjähriges Jubiläum, eröffnet demnächst einen dritten Standort und nimmt an Messen wie der Frieze in London oder der Art Basel Miami Beach teil. Aber das Kollektiv versteht sich vor allem als Ort der Kommunikation und Partizipation und ist lokal geprägt. Ein probates Mittel, der globalen Vereinnahmung etwas entgegenzusetzen.

In Rio de Janeiro, wo Neto bis heute lebt, funktioniere diese Mischung aus westlichen, naiven brasilianischen und afrikanischen Kulturen. Aber nicht zuletzt mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft nächstes Jahr und die Olympischen Spiele im Sommer 2016 in Rio de Janeiro müsse man aufpassen: „Wir sollten kämpfen, damit uns die Westianisierung nicht verschlingt.“

Galerie Max Hetzler, Oudenarder Str. 16-20; bis 13. April, Di–Sa 11-18 Uhr

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