Kultur : Hehnq

Tschetschenien

Claudia von Salzen

Tschetschenien: Schauplatz eines erbarmungslosen Krieges, in dem es keine Sieger geben kann. Der zweite Tschetschenien-Krieg geht nun schon in sein fünftes Jahr. Ein Ende scheint nicht abzusehen. Und so werden beide Seiten, die russischen Truppen und die tschetschenischen Kämpfer, von Tag zu Tag mehr zu Verlierern.

Tschetschenien: Ein Ort, am dem schon lange keiner mehr die Toten zählt. Niemand kann genau sagen, wie viele Menschen im zweiten Tschetschenien-Krieg ums Leben gekommen sind. Diejenigen, die bei den gefürchteten „Säuberungen“ von russischen Sicherheitskräften mitgenommen wurden und seitdem als „verschwunden“ gelten, müssen am Ende auch zu den Toten gerechnet werden, fürchten viele. Die eigentlichen Verlierer dieses Krieges waren vom ersten Tag an die Menschen, die in den Dörfern und Städten der Kaukasusrepublik leben.

Tschetschenien: ein Nicht-Ort. Recht und Gesetz wurden hier durch Straflosigkeit und Willkür ersetzt. Die Hoffnung hat schon vor langer Zeit Resignation und Verzweiflung Platz gemacht. Und die junge Generation weiß heute kaum noch, wie sich Frieden anfühlt.

Tschetschenien: ein Land, in dem Frieden nur vorgetäuscht wird. Die Wahl am Sonntag sei ein „Zeichen der Hoffnung“ gewesen, sagte Russlands Präsident Wladimir Putin. Doch vor jedem Wahllokal standen Bewaffnete. Friedensverhandlungen sind auf absehbare Zeit nicht in Sicht.

Tschetschenien: ein Phänomen, das um sich greift. „Säuberungen“ im benachbarten Inguschetien, Anschläge in Dagestan und anderen Nachbarrepubliken: Der Konflikt droht sich auf den gesamten Kaukasus auszubreiten – mit unabsehbaren Folgen. Und die Geiselnahme im Moskauer Musical-Theater „Nord-Ost“ hat gezeigt, dass die Terroristen den Krieg ins russische Kernland tragen wollen.

Tschetschenien: Ein Land, das alle verändert, die dorthin gehen. Die jungen russischen Soldaten finden sich nach der erlebten Brutalisierung später im Alltag nicht mehr zurecht. Aber auch die Beobachter kommen verändert zurück: mit einem leeren, müden Ausdruck in den Augen, mit einer neuen Ungeduld und einer merkwürdigen Distanz zum Alltag.

Tschetschenien: ein vergessener Kriegsschauplatz. Nur wenige Journalisten berichten noch aus diesem von der Außenwelt nahezu abgeschotteten Land. Die kleine Kaukasus-Republik droht im großen Kampf gegen den Terror zu verschwinden. Ein internationaler Friedensplan ist nicht in Sicht.

Tschetschenien: Europas offene Wunde.

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