Kultur : Heidi lernt fliegen

Laputa lebt: „Das Schloss im Himmel“, ein japanisches Filmwunder von 1986, kommt endlich ins Kino

Christina Tilmann

Ein Kinderfilm? Gewiss, zwei Kinder spielen die Hauptrolle, Kinder zumal, die mit ihren braunen Kulleraugen, den runden Gesichtern und dem breiten Lachen aussehen wie Heidi und Peter aus der uralten Zeichentrickserie. Kein Zufall: Hayao Miyazaki, dessen erster Filmerfolg „Das Schloss im Himmel“ nun mit rund zwanzigjähriger Verspätung in die deutschen Kinos kommt, ist auch der Schöpfer der Heidi-Serie. Und in Europa seit seinen letzten Festivalerfolgen in Cannes und Berlin plus Auslandsoscar inzwischen so etwas wie ein Kultregisseur.

In Japan ist er das schon längst. Die Ghibli-Studios, die Miyazaki 1985 gegründet hat, sind das Disney Japans. Das Ghibli-Museum in Tokio, das es seit 2002 gibt, musste seine tägliche Besucherzahl unlängst auf 2400 beschränken. Kollegen wie John Lasseter von Pixar („Toy Story“), Michael Eisner, Chef der Disney-Studios, Brad Bird („The Simpsons“) oder der legendäre japanische Regisseur Akira Kurosawa bekennen, durch Miyazakis fantastische Traumwelten inspiriert worden zu sein. Filme wie „Prinzessin Mononoke“, „Chihiros Reise ins Zauberland“ oder „Das Wandelnde Schloss“ erzielen Besucherrekorde, die sogar „Titanic“ in den Schatten stellen.

Kollektive Infantilisierung also? Gewiss, Miyazakis Filme sind Märchen, Hymnen an Liebe und Fantasie. Es geht um fliegende Inseln und verwunschene alte Schlösser, um Schätze und Edelsteine, um Roboter und Flugmaschinen. Eine Mischung aus Mittelalter und Science-Fiction, Peter Pan und Alice im Wunderland. Jules Verne und „Gullivers Reisen“ hätten ihn zu „Das Schloss im Himmel“ inspiriert, bekennt Miyazaki. Die fliegende Insel Laputa, ein Naturparadies, das von Robotern bewohnt wird, verdankt sich Jonathan Swift. Und nicht nur das: das alte Europa steht an vielen Stellen Pate, in den niedlichen Fachwerk-Dörfern aus Miyazakis letztem Film „Das Wandelnde Schloss“ ebenso wie in den Minenstädten in „Das Schloss im Himmel“, die sich so malerisch an die Felswände schmiegen. Das Vorbild fand Miyazaki im Rhondda-Tal in Süd-Wales: „Wenn Sie nach Rondda fahren, werden Sie feststellen, dass die gesamte Umgebung, wie sie am Anfang des Films dargestellt ist, sehr wohl existiert“, erklärt er.

Doch Miyazakis großes Thema ist eindeutig ein Erwachsenenthema: der Widerstreit zwischen Mensch und Natur, und der Kampf darum, wer die Welt beherrscht. Auf die Spitze getrieben hat er den Konflikt in „Prinzessin Mononoke“, der Geschichte eines Wolf-Mädchens, das den Wald vor der Rodung durch eisenabbauende Menschen bewahren will. Auch in „Das Schloss im Himmel“ klingt das Thema an: die Minenstädte zu Beginn sind Elendsquartiere, und das Königreich Laputa ein modernes Utopia, wo Mensch und Maschine friedlich in paradiesischer Natur zusammenleben – bis eine ganze Armee von Welteroberern die Idylle in Schutt und Asche legt.

Es steckt viel Kriegserfahrung hinter dieser Vision der Invasion eines Paradieses, der gefährlichen Flugmaschinen, aus Eisenteilen mühsam zusammengeflickt wie Flieger aus dem Zweiten Weltkrieg. Und der böse Musca, Anführer der Armee, die Laputa erobert, wirkt in seiner kalten Schönheit wie ein Übermensch. Doch der wirkliche Witz von Hiyazakis Filmen liegt in den durchaus sympathisch gezeichneten Bösewichtern: der Hexe aus „Chihiros Zauberland“ mit ihrem geliebten Riesenbaby, oder der verschlagenen Luftpiratin Dora mit ihren trotteligen Söhnen, nicht zu vergessen die freundlichen Roboter. Sie alle helfen mit, damit das Mädchen Sheeta und der Junge Pazu nach vielen Entführungen, Gefangennahmen, Verfolgungsjagden und Mutproben endlich zusammenfinden. Und wenn auch eine Welt darüber zugrunde geht: Laputa lebt. Es lebe die Liebe.

In sieben Berliner Kinozentren

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