Kultur : "Heidi M.": Die Berührbare

Jan Schulz-Ojala

Erster Gedanke: Dieser Frau ist nicht zu helfen. Gerade ist sie mit ihrem neuen schüchternen, romantischen Lover nach Paris aufgebrochen, verbringt mit ihm wegen einer Wagenpanne zwei Flittertage im Motel-Bett, gerade rückt der Liebhaber auch noch, nunja, vielleicht ein bisschen altersuntypisch, zwei Verlobungsringe raus - und was macht diese Frau? Von allen Liebesgeistern verlassen, lässt sie mit einem Mal alles Glück sausen, drückt sich aus dem Hotel davon auf Nimmerwiedersehen. Also gut, fast auf Nimmerwiedersehen.

Zweiter Gedanke: Diese Frau rappelt sich doch noch. Man muss ihr nur viel, viel Zeit lassen - und sie nicht behelligen mit Kinderkram, Verlobungen zum Beispiel. Heidi ist schließlich Mitte Vierzig, mit fast erwachsener Tochter, die sie gerade nach Australien verabschiedet hat; nur die Scheidung von ihrem Nichtsnutz von Mann, die hat sie noch ganz und gar nicht verwunden. Fast so wortlos wie sie von ihrem Geliebten hat auch er sich davongemacht damals, und nun muss sie durch dieses Schweigen noch einmal durch und es aushebeln in einer letzten Anstrengung, um - vielleicht, vielleicht - noch einmal glücksfähig zu werden.

Ja, dieser dritte Kino-Spielfilm von Michael Klier, der erste nach nahezu zehnjähriger Pause, nimmt sich Zeit, viel Zeit. Er erzählt uns seine Geschichte nicht rund, sondern so unrund, wie das Leben holpert, wenn man irgendwann, reichlich allein, einen neuen Anfang macht, weil man ihn einfach machen muss. Wie in psychologischer Realzeit leben wir mit dieser Heidi, Spätkauf-Ladenbesitzerin in Berlin-Mitte, lernen ihre spärlichen Freunde kennen, das schüttere Seelenmobiliar, das auch einsame Menschen um sich bauen. Und ganz in der Mitte dieser freundlichen, leeren Welt ist ein Lebenshunger, der raus will aus allem und nur nicht weiß wie. Sie wird sich häuten müssen, diese Frau - nur die schönen Fältchen, die ihr Lächeln jedesmal hervorzaubert, wenn es denn doch ans Lächeln geht, die werden ihr auch im nächstbesseren Leben bleiben.

Dieses nächstbessere Leben, es hat noch gar nicht angefangen, wenn der Film zu Ende ist. Aber ein paar Sachen zumindest sind, quälend langsam zwar, in Ordnung gebracht. Katrin Saß ist diese Heidi; eine Schauspielerin aus dem Osten Deutschlands, die seit Defa-Zeiten nicht mehr in einer Kino-Hauptrolle zu sehen war und die in diese Heidi-Figur mitunter mehr Verlorenheit hineinzaubert, als einem noch geheuer sein kann: keine Ikone wie Hannelore Elsner, die Oskar Röhlers "Unberührbare" so grandios verkörperte, sondern jemand, dessen eigener gelebter Schmerz die Leinwand leise zu überfluten scheint.

Der Geliebte, Franz, der da eines Tages vor dem Spätkaufladen auftaucht, ist Dominique Horwitz - und da liegt das Problem. Bei ihm spürt man jederzeit, dass er spielt, sehr dezent zwar, aber er spielt. Seltsam diffus funktioniert dieses Paar: Er soll das reine, romantische Gefühl verkörpern - und wirkt doch wie einer, der die Nuancen nur setzt; Sie soll die Zögernde, Kühle sein, und lädt ihre Figur zugleich mit allem auf, was eine Biografie in ein Gesicht hineinschreiben kann. Die Chemie stimmt nicht - und, darf man es sagen, gerade so penibel ist dann auch die Physik anzusehen. Gibt es das: einen anziehungsfreien Liebesfilm?

Denn ein Liebesfilm, das will Michael Kliers "Heidi M." in erster Linie sein, auch wenn er, wie der wunderbare "Überall ist es besser, wo wir nicht sind" (1989) und der immer noch schöne "Ostkreuz" (1991) von Berlin, von Einsamkeit, von Aufbrüchen und am Ende von Reisen erzählt. Wie damals schon hat Karin Aström ein kluges, ökonomisches Drehbuch geschaffen, und wie damals führt Sophie Maintigneux die Kamera: nur dass nach dem Schwarzweiß der frühen Jahre nun ein blaubraunstichiges Nachtberlin und ein wie unter ewigem Wolkenhimmel blassfarbenes Tagberlin daherleuchtet. Oft steht Katrin Saß vor trüben Spiegeln - im Hinterzimmer ihres Ladens, in ihrer oder seiner Wohnung: Auch am Ende dieses Films, der ein Exerzitium ist, eines der leisestmöglichen Art, will und will es nicht wirklich hell um die Menschen werden. Das wirkt dann, wenn auch erst auf den zweiten Blick, um so echter.

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