Kultur : Heilig macht high

Karl der Große und Europa: Adolf Muschg hält seine Antrittsrede in der Akademie der Künste

Stephan Schlak

Nach Adolf Muschgs „Treppenrede“ zur Einführung als Akademie-Präsident im Mai, bei der der Schweizer seine Liebe zum alten Preußen bekannte, und seiner Kerneuropa-Moderation im Juni, bei der er an Habermas’ Seite stritt, warteten nun alle auf die eigentliche Antrittsrede von Professor Muschg. Nun hat er sie gehalten. Am Freitagabend trug Muschg in der Akademie der Künste über „Karl der Große – Kleineuropa?“ vor.

Der Anlass war erfreulich; es gab etwas zu feiern. Der Abguss einer Statue Karls des Großen aus der Kirche des Klosters St. Johann in Müstair/Schweiz hat den Weg nach Berlin gefunden und soll künftig in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums gezeigt werden. Muschg hielt dazu eine sehr persönliche Rede, die von der mittelalterlichen Herrschergestalt Karls des Großen ausging, schnell aber auf Karls einstige Zauberworte zu sprechen kam. Muschg sprach über die unheimliche Karriere der Begriffe „heilig“ und „Reich“. Als Stefan–George-Schwärmer hat Muschg, Jahrgang 1934, in jungen Jahren selbst am süßen Nektar des Reiches gekostet. Daher weiß er vom Rausch des Reiches zu berichten – „Heilig macht high“. Ähnlich wie sein Generationsgenosse Martin Walser – „Transzendenz, die wirkliche Erbsünde“ – misstraut Muschg heute allen religiösen Überschreibungen. Als „gebranntes Kind des reformierten Glaubens“, der bei religiösen Indienstnahmen sofort allergisch werde, stellte Muschg sich vor. Noch immer dröhne der heilige Appell des Krieges in seinen Ohren. „Wir gehen in den Krieg wie in einen Gottesdienst.“

Wer die Kerneuropa-Debatte vor einigen Wochen verfolgt hat, weiß, woher sich Muschgs aktuelles Reichsunbehagen speist. Für Muschg hat eine neue translatio imperii stattgefunden. Macht und Heiligkeit haben sich für den Akademie-Präsidenten in der Neuen Welt noch einmal „unheilig“ miteinander verbunden. Das „beleidigte Imperium“ schlage nun aus Washington oder wahlweise Texas zurück. Das waren Töne, wie sie das Akademie-Publikum von Muschgs Amtsvorgänger Konrad selbstredend nie gehört hätten. Und was waren das für ferne Zeiten, als die Schweiz in Berlin von einer blonden tief dekolletierten Texanerin vertreten wurde!

Am liebsten würde Muschg heute das „Heilige“ in einem „erweiterten Bürgersinn“ aufgehoben wissen. Als Gegenzauber zum Reich rief er die solidarischen Kräfte der Bürgergesellschaft auf. Der Mediävist Horst Fuhrmann, langjähriger Präsident der Bayrischen Akademie der Wissenschaften, der als Diskussionspartner geladen wurde, war nach Muschgs Rede erst einmal „sprachlos“ – „Sie haben es wohl mit dem Heiligen!“ Karl der Große sei ein toleranter Herrscher, in dessen Reich für alle möglichen Ethnien und Religionen Platz gewesen war. Fuhrmann verteidigte die Religionen als Einrichtungen der Barmherzigkeit. Es waren Quäker, erinnerte er sich im anschließenden Gespräch mit Muschg, die ihm nach dem Krieg mit „Kekssuppe“ aufgepäppelt haben.

Welche genauen Formen ein neues Europa auch immer haben wird: Es wird mehr mit Karls gestuftem Herrschaftsverbund zu tun haben als mit dem modernen zentralisierten Nationalstaat. Vielleicht wird dann ja auch die Schweiz, der bisherige Zaungast, zur Europäischen Union gehören. Zur Zeit Karls des Großen zeichneten sich jedenfalls die Eidgenossen durch besondere Reichstreue aus. Mit Adolf Muschg ist, wie seine Karls-Rede zeigte, eine gehörige Portion säkular ausgenüchterter „Eigensinn“ in die Akademie gekommen. Anderseits: Braucht das diesseitige Berlin die Warnungen vor transzendentalen Monsterbegriffen? Auf seinen Eigensinn bildet sich jedenfalls jeder in Berlin viel ein, auch wenn er seine Sache gerade auf Sand baut.

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