Kultur : Heilige Hammondorgel

Jeder Song ein Stoßgebet: Ron Sexsmith huldigt mit seinem neuen Album dem Soul

Christian Schröder

Popstars sehen anders aus. Hängeschultrig, mit schwarz umrandeten Augen unter dem Ewiger-Lausbub-Wuschelkopf, so blickt Ron Sexsmith vom Cover seines neuen Albums. Es ist der müde Blick eines 44-jährigen Mannes, in dem noch immer ein 9-jähriges Kind zu stecken scheint, mit dem niemand spielen möchte. Die Vorderseite der Plattenhülle zeigt Sexsmith am Flügel. Hochkonzentriert kauert er hinter dem Instrument, seine Finger wühlen in den Akkorden, als ob sie dort eine Erlösung finden könnten.

„Exit Strategy Of The Soul“, Sexsmiths neue CD, enthält einige der heitersten, herzergreifendsten und himmelhochjauzendsten Songs dieses Sommers. Halleluja! Seelenmusik sind Sexsmiths Stücke gleich in doppelter Hinsicht. Mit leicht angerautem Vibrato, die Silben sanft biegend und dehnend, beichtet er fleischliche Sünden und beschwört himmlische Freuden. Dazu tuten Trompeten, wohlig warm brummt die Hammondorgel. Eine Huldigung an den gottesfürchtigen Soul, wie er in den sechziger und frühen siebziger Jahren in den Südstaaten gepflegt wurde. „Auf eine bizarre Art habe ich wohl so etwas wie eine Gospelplatte gemacht“, sagt Sexsmith in einem Interview, das seine Plattenfirma verbreitet hat. „Die meisten Stücke habe ich auf dem Klavier geschrieben, vielleicht klingen sie deshalb so kirchlich.“

Den klassischen Singer-Songwriter seiner Anfänge – junger Mann hängt sich eine Gitarre um und singt von der Liebe und dem Leben – hat Sexsmith mit seinem elften Soloalbum hinter sich gelassen. Elegisch fließen die Melodien, die Arrangements streben ins Orchestrale. An Dylan oder Nick Drake erinnert das nicht mehr, eher an Randy Newman und den überkandidelten Glampop des frühen Elton John. In „This Is How I Know“, dem schönsten Song der Platte, trauert Sexsmith zu einem funky stotternden E-Piano einer verflossenen Liebe hinterher, die eine Frau sein könnte, vielleicht aber auch ein Glauben: „I feel you move in every sunrise / In the trembling of the leaves / This is how I know you’re near me.“

Die Orgelgitarrenballade „Travelling Alone“ erzählt mit beinahe existenzialistischem Pathos von der Mühsal des In-dieWelt-Geworfenseins. Sind wir nicht alle von Geburt an Alleinreisende, irgendwie? Ein Ausweg aus allen Kämpfen bietet sich aber doch, das Trinken, dem der Sänger gleich mit zwei Stücken ein Denkmal setzt: „One Last Round“ und „Brandy Alexander“. Letzteres schrieb Sexsmith mit seiner kanadischen Kollegin Leslie Feist, es ist der Lobgesang auf ein hochprozentiges Getränk, wegen dem einst schon John Lennon und sein Kumpan Harry Nilsson aus dem legendären Club „Troubadour“ in Los Angeles geworfen worden waren.

Lange Zeit schien Sexsmiths Karriere dem Klischee des armen Poeten zu folgen, der sich lieber mit einem Spitzwegschen Dachstubendasein bescheidet, als seine Kunst zu verraten. Wobei es fast schon übertrieben ist, beim Beginn seiner Laufbahn überhaupt von Karriere zu reden. 1964 in Ontario geboren, begann er als 18-Jähriger, mit seiner Gitarre durch Kneipen zu tingeln. Seine Lieder passten nicht in den New-Wave-Zeitgeist der achtziger Jahre, die mit einem Freund in Eigenregie aufgenommen Kassetten blieben nahezu unverkäuflich.

Sexsmith gründete eine Familie, zog nach Toronto und schlug sich als Kurierfahrer durch. Mit 28 bekam er einen Vertrag bei einem Musikverlag, 2005 erschien das Album „Ron Sexsmith“ beim Independentlabel Interscope. „Das war das erste Mal, das mir jemand die Tür öffnete. Bis dahin hatte ich gedacht, es gäbe eine riesige Mauer um das Musikbusiness, die ich nie überwinden könnte.“ Es folgten weitere Platten in schnellem Veröffentlichungsrhythmus, grandiose wie „Time Being“ (2006) und eher durchwachsene wie „Cobblestone Runway“ (2002), ausgedehnte Tourneen und das, was der Sänger heute „die Fallen des Rock’n’Roll-Lifestyles“ nennt. „Meine Dreißiger waren meine dümmsten Jahre. In meinen Zwanzigern bin ich vor allem Vater gewesen, deshalb wollte ich wohl vieles nachholen. Es war wie im Klischee, ich war nur noch unterwegs, habe diese ganzen blöden Rock’n’Roll-Sachen gemacht. Deshalb bin ich jetzt leider auch nicht mehr mit meiner Frau zusammen.“

Tonträger in Hunderttausender-Einheiten verkauft Sexsmith bis heute nicht. Dafür rühmen Paul McCartney, Elvis Costello und Coldplay-Sänger Chris Martin seine Kunst. Als der Sänger am Ende einer Tour nach Hause kam, war die Stimme von Elton John auf seinem Anrufbeantworter. Der Star, dessen Plakate im Kinderzimmer von Ron Sexmith gehangen hatten, wollte ihm mitteilen, dass „Time Being“ derzeit seine Lieblingsplatte sei.

„Exit Strategy Of The Soul“ ist bei V2/Universal erschienen.

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