Kultur : Heiliger Klimbim

Zwei junge Regisseure inszenieren Wagners „Tannhäuser“ – in Frankfurt und in Hannover

Sybill Mahlke

Die Pilger sind unter uns. Das beobachten zwei junge Regisseure in der Wagner-Oper „Tannhäuser“: Vera Nemirova in Frankfurt (Main) und Philipp Himmelmann in Hannover. „Der Sünden Last“ muss nun nicht mehr so schwer drücken wie im Mittelalter, als Tannhäuser auf ungeklärte Weise aus der Wartburggesellschaft in den Venusberg geriet. Beide Inszenierungen gehen vielmehr von der näher liegenden Erfahrung aus, dass moderne Wallfahrt ein touristisches Kollektiverlebnis ist: Rucksäcke überall.

In Frankfurt wird schon vor und während der Ouvertüre gepilgert, und wenn die Venusmusik erklingt, denken alle an Sex und tun so als ob, und das Ganze erscheint wie ein aus den Fugen geratener Jakobsweg. Unwillig verabschiedet sich Tannhäuser von einer lolita-artigen Venus (mit expressivem Mezzo: Elena Zhidkova). Die Sänger-Kollegen demonstrieren, dass man Musical-Terrain betritt. Putzfrauen und Blumenkübel gehören zum Open Air (Bühne Johannes Leiacker), Kamera läuft, Staatsakt. Die inhaltliche Stringenz des Sängerkrieges aber, Tannhäusers dämonischer Zwang, das Preislied auf die Liebesgöttin zu singen, teilt sich kaum mit. Rührend dagegen ein Konwitschny-Zitat aus dessen Dresdner „Tannhäuser“: Beim Lied an den Abendstern stirbt Elisabeth in Wolframs Armen.

Knapperen Applaus nach einer Wagner-Oper als diesen in Frankfurt hat es wohl nie gegeben: Die Leute streben nach Hause, weil der Streit um Nemirovas Regie nicht lohnt. Denn die großen Partien der Elisabeth (Danielle Halbwachs), des Landgrafen (Magnus Baldvinsson) und des Titelhelden (Ian Storey) sind unzulänglich besetzt, die Interpretation des Dirigenten Paolo Carignani bleibt eigenschaftslos. Man stelle sich vor, dass in einem „Tannhäuser“-Ensemble der Wolfram (Christian Gerhaher) und der junge Hirt (Silvin Bumiller, ein wahrhaft göttlich singender Solist von den Aureliusknaben) den intensivsten Beifall ernten. Mit vollem Recht.

Vitaler geht es in Hannover zu. Diesem Tannhäuser schiebt sich alles ineinander: Ferne und Nähe, Venusberg und Wartburg, der junge Hirt mit dem blutenden Lämmchen, Thüringens Fürst, der Papst aus Rom mit seinem ergrünten Priesterstab, die Ritter, die Pilger. Ein unheimliches Bild, das sich Regisseur Philipp Himmelmann als Fazit erdacht hat: denn es zeigt zunächst die totale körperliche Identifizierung der heiligen Elisabeth mit der Jungfrau Maria. So, wie Tannhäuser im ersten Aufzug unbewusst Elisabeths gedenken dürfte, wenn er ruft: „Mein Heil ruht in Maria“ – so verwandelt sich die sterbende Geliebte in die Gottesmutter.

Man erschrickt, wenn sie sich in gläubiger Kühnheit in das blaue Gewand der Marienstatue hüllt, sich den Heiligenschein des Muttergottesbildes aufsetzt. Die Betende ist sich keiner Blasphemie bewusst, ein Lächeln spielt um ihren Mund. So hört sie – wie eine Statue! – Tannhäusers Romerzählung, bevor der Regisseur ihr eine Himmelfahrt und zum Schluss eine Rückkehr ins schrille Final-Tableau gestattet. Unter das Personal mischt sich eine Gruppe verfremdeter weißer Ordensfrauen, die sich Erlösung und Halleluja nur noch als Gaudi und la Ola vorstellen können. Die Bühne (Elisabeth Pedross) – eine Arena, in der Sünde und hohe Liebe wechseln, Kostüme (Petra Bongard) mittelalterlich als Verkleidung – für den Sängerkrieg – bis zur Jetztzeit. Elisabeth betritt die „teure Halle“ im Trenchcoat, bevor sie zum Burgfräulein mutiert.

Dieses Wunschbild Tannhäusers ist unabhängig vom Kostüm. Dennoch bedeutet das Ritterkostüm Theater im Theater. Die Katastrophe, Tannhäusers Venuslob auf der Wartburg, bedingt, dass die Vorstellung des Kostümfestes aus ist. Anekdotisches wie das Auspeitschen einer vermeintlichen Sünderin wirkt störend. Dagegen steht beobachtungsreiche Personenregie: Tannhäusers eitles Verhalten als Popstar von gestern unter den Sängern; Demütigungen Elisabeths durch ihren Onkel als unverblümte Bedrohung.

Hannovers neuer GMD Wolfgang Bozic kommt aus Graz und hat die Schule Bruno Madernas genossen. Zurückhaltend beginnt er die Ouvertüre, beinahe asketisch aus dem Geist der Neuen Musik, um sein Heil in Geheimnissen der Dynamik zu finden. Eine zwingende Interpretation, die in der Durchleuchtung des Männerensembles mit der einzigen führenden Frauenstimme „Ich fleh’ für ihn“ gipfelt. Diese Elisabeth ist Brigitte Hahn: Mit edlem ausdrucksvollem Sopran dominiert sie ein Ensemble, in dem sich profilieren: Jin-Ho Yoo (Wolfram), Albert Pesendorfer (Landgraf). Robert Künzlis Tannhäuser ist ein Tenor mit scharfem Rohr und fesselnder Bühnenpräsenz. – Mit dem Mut zum Devotionalienkitsch geht Himmelmanns Inszenierung auf Entdeckungen aus, die sich lohnen.

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