Kultur : Heiliger Quentin!

JULIAN HANICH

Begierig gleitet die Kamera an der Knarre entlang.In Detailaufnahme wird das sexy Ding umkreist, beschworen, liebkost.Nacktes Metall, silbern glänzend und tödlich.Seht nur, ich bin des "Eisbärs" bestes Stück! Ein Vorspann, der viel verspricht und wenig hält.Und außerdem nicht neu ist.Aber das ist Prinzip: Til Schweiger - Regisseur, Hauptdarsteller und Co-Produzent - ist für den "Eisbär" in einen Second-Hand-Laden der jüngeren Filmgeschichte eingebrochen und hat einen Sack voll Zitate mitgehen lassen.Vom Detail über Einstellungen bis zu ganzen Szenen.Als wollte er sagen: Hurra, ich habe auch schon ein paar gute Filme gesehen.Es beginnt mit Kathryn Bigelows "Blue Steel".Geht weiter mit "Wild at Heart" und "The Killer".Und wenn in Filmen über Pommes Frites nachgedacht wird, kann Tarantino nicht weit sein.Wie ungefähr jeder zweite Regieneuling heiligt auch Schweiger dem Übervater Quentin.Schweigers Produktionsfirma heißt übrigens "Mr.Brown" - Tarantinos Rollenname in "Reservoir Dogs".

Til Schweiger ist Leo, der Killer, den sie nennen wie das Raubtier aus der Arktis.Befehlsgemäß nietet er die "Ratte" (Peter Maffay) um und hat danach viel Ärger am Hals.Denn sein Auftraggeber, der Gangsterboß mit dem Namen "Gesundheitsinspektor" (Heiner Lauterbach), wollte den Mord längst stornieren.Der Killerin Nico (Karina Krawczyk) wird derweil das Auto geklaut, und die beiden Diebe (Benno Fürmann und Florian Lukas) wollen damit eine Bäckerei überfallen.Nur eines vergessen sie: Nachts haben Bäckereien nicht offen.Und was sie außerdem nicht wissen: Im Auto tickt eine Bombe.Am Ende kommen alle vor einer Eckkneipe zusammen.Klassischer Ort für deutsche Showdowns.Fünfzehn Minuten fesseln die immerhin ansehnlichen Kreuz- und Querverweise.Doch danach kreucht uns einer dieser neuerdings so beliebten Genre-Hermaphroditen entgegen: ein bißchen Gangsterfilm, ein bißchen Komödienstadl und melodramatisch noch dazu.

Von hinten nach vorne und rechts nach links hat Schweiger die Republik durchquert, um Publicity für den Film zu machen.Ein bewegter Mann.Mehr als 40 Prozent des Budgets wurden für Werbung ausgegeben.Getreu dem Oscar Wilde-Bonmot: "Nur eine Sache auf der Welt ist schlimmer, als Gesprächsthema zu sein, nämlich nicht Gesprächsthema zu sein." Solcherlei Aufwand wird neuerdings vom "Spiegel" mit nicht unter drei Seiten Berichterstattung belohnt.Doch Unheilschwangeres geht der Erfolgsbeschwörung vorweg.(Nicht nur, daß die Berliner "Eisbären" zuletzt 4:7 verloren haben.) Über eine Presseagentur erreichte uns kürzlich die Meldung, daß nach Greenpeace-Erkenntnissen Eisbären durch den Treibhauseffekt vom Aussterben bedroht sind.Das ist schlimm.Viel schlimmer, als alle Til Schweigers mit ihren kreuzbraven Kino-"Eisbären".Wenn die jetzt baden und untergehen, läßt uns das arktisch kalt.

Auf 14 Berliner Leinwänden

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