Kultur : Heiliger Raum, eilige Welt

Synagogen und Museen: Eine Ausstellung erkundet die jüdische Identität in der modernen Architektur

Bernhard Schulz

Vor gut zwanzig Jahren begann in Deutschland die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Synagogenbau; zu nennen ist insbesondere Harold Hammer-Schenks zweibändiges Werk über „Synagogen in Deutschland“ von 1981. Heute feiert die Freie Universität den Autor, längst Professor am Kunsthistorischen Institut, zu seinem 60. Geburtstag. Den Festvortrag hält Carol Herselle Krinsky, deren Buch „Europas Synagogen“ von 1985 das damals noch hinter dem Eisernen Vorhang verborgene Osteuropa ins Bewusstsein zurückrief (Kunsthistorisches Institut, Koserstr. 20, 18 Uhr).

An die Stelle der historischen, überwiegend von den Nazis zerstörten Synagogen sind seither vielerorts und verstärkt in jüngster Zeit Neubauten getreten. Diesen Tendenzen widmet sich die Wanderausstellung „Jüdische Identität in der zeitgenössischen Architektur“. Vom Joods Historisch Museum in Amsterdam erarbeitet, soll sie im kommenden Jahr auch in Berlin Station machen.

„Es gibt viele jüdische Architekten, aber im Prinzip keine ,jüdische’ Architektur“, heißt es treffend im Katalog. Damit wäre im Grunde alles gesagt. Aber es ist ja nicht zu übersehen, dass Bauten jüdischer Einrichtungen – Synagogen, Museen, Lehrstätten – einen bemerkenswerten Platz in der zeitgenössischen Architektur erobert haben.

Die Ausstellung zeigt herausragende Beispiele solcher Bauten. Das schließt nicht-jüdische Architekten ein, wie den Tessiner Mario Botta, der dem Katalog zufolge „noch nie eine Synagoge betreten hatte“, als ihn ein Schweizer Landsmann mit dem Entwurf einer Synagoge in Tel Aviv beauftragte. Diese 1998 geweihte Cymbalista-Synagoge zählt zu den Marksteinen einer „jüdischen“ Gegenwartsarchitektur – und zeigt doch vor allem den stupenden Umgang ihres Architekten mit Raum und Licht. Die Verwandtschaft insbesondere der schwebenden Raumwirkung mit jener der wenig zuvor fertig gestellten Kathedrale in der Ville nouvelle Evry bei Paris sind frappierend. Gerade an Bottas Bauten erweist sich, dass es eine liturgisch festgelegte Architektursprache heutzutage nicht mehr gibt und geben kann, sondern dass es vordringlich darum geht, mit den Mitteln der Architektur spirituelle Erfahrung zu ermöglichen.

Solche Wechselbeziehungen wie im Werk Bottas reflektiert die Auswahl der 16 Bauten, die in der Ausstellung an Hand von Modellen und Fotografien vorgestellt und im handbuchartigen Katalog eingehend erläutert werden. Dabei durchdringen sich im Judentum nach der Shoah historische Erinnerung und religiöse Erfahrung derart, dass die entsprechenden Bautypen einander nahe rücken. Besuchern etwa des United States Holocaust Memorial Museum in Washington stößt das bisweilen als pseudosakraler Kitsch auf. „Jüdische Erinnerung ist vollkommen säkularisiert worden“, schreibt der Leiter des Amsterdamer Museums, Edward van Voolen. „So wie das Museum für Nichtjuden zur Kathedrale des 20. Jahrhunderts geworden ist, so haben auch Juden aus Museen Synagogen gemacht.“

Und der Historiker James E. Young ergänzt: „Je weiter sich die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust in den Tiefen der Geschichte verlieren, desto berühmter werden ihre Museen und Gedenkstätten.“ Insofern ist den jüdischen Museen eine Bedeutung zugewachsen, die über die spezifischen Aufgaben des Museums hinausgeht und sich, jedenfalls in den USA, bisweilen mit ihnen reibt. Die Amsterdamer Auswahl geht auf diese Problematik jedoch nicht ein. Allein Young macht im Katalog an Hand des weltberühmten Berliner Museums von Daniel Libeskind deutlich, wie sich die Absicht des Architekten und die Aufgabe des Museums konterkarieren.

Dass die Amsterdamer Auswahl sieben Beispiele aus Deutschland und Österreich zeigt, hingegen nur vier aus den USA, mag man für symptomatisch halten: Die Qualität der Bauten in den deutschsprachigen Ländern ist wohl auch wegen der öffentlichen Aufmerksamkeit außerordentlich hoch. Vielfalt und auch stilistische Unsicherheit sind in den USA sichtbar größer.

Einen Sonderfall stellt Israel dar, dessen vier vertretene Bauten das Ringen um eine Architektursprache angesichts der orientalischen Tradition einerseits, vor allem aber in der Verbindung zum Gründungsmythos des Staates Israel andererseits zeigen. Gerade in Israel hat die Architektur nicht die Möglichkeit, sich allein auf das in Westeuropa und den USA mittlerweile so bewährte symbolische Repertoire von Erinnerung, Gedenken und Mahnung zu beschränken, sondern muss zugleich dem Gedanken des wehrhaften jüdischen Staates Platz einräumen.

Neben Bottas Synagoge sticht die Dresdener von Wandel Hoefer Lorch + Hirsch, (fast) an der Stelle des berühmten Vorgängerbaus von Gottfried Semper von 1840, hervor. Ähnliches gilt für Zvi Heckers Berliner Heinz-GalinskiSchule von 1995 oder auch Ralph Appelbaums geradezu minimalistisches Museum in Houston von 1996. Libeskinds Museumsprojekt für San Francisco hingegen und mehr noch dasjenige Frank Gehrys für Jerusalem verraten die Schwierigkeiten von signature architects, die Tücken dieser Bauaufgaben zu meistern. Von Geniestreichen wie Libeskinds Berliner Bau einmal abgesehen, ist diesen Fallen wohl nur zu entkommen, wenn die Gebäude als Teil einer pluralistischen Gegenwartsarchitektur aufgefasst werden. Die aber weist spezifisch nationale oder gar religiöse Merkmale heutzutage gerade nicht mehr auf.

Amsterdam, Joods Historisch Museum, bis 29. August. Katalog im Prestel-Verlag (deutsch-englisch), 29,95 €, geb. 59 €.

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