Kultur : Heiliges Blech

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Malte Lehming über den Empfang der Raelianer in den USMedien

Was ist der Albtraum eines halbwegs vernünftigen und aufgeklärten Fernsehzuschauers? Eine Talkshow, in der Jürgen Möllemann, Nina Hagen, Christian Ströbele und Hella von Sinnen gleichzeitig zu Wort kommen. Noch geballter ist der Irrsinn, wenn Rael spricht. Rael, der eigentlich Vorilhon heißt, ist Chef der Ufo-gläubigen Raelianer-Sekte. Er trägt gerne Halbglatze, weiße Kleider und Goldketten. Wäre die Welt in Ordnung, würde sich niemand um ihn kümmern. Doch die Welt ist nicht in Ordnung. Deshalb versucht selbst die CNN-Moderatorin, extra höflich zu Rael zu sein. Sie redet ihn ausschließlich mit „Your Holiness“ an. Dankbar lächelt Your Holiness zurück. Er steht im Rampenlicht. Sein Ziel ist erreicht.

Als die Firma Clonaid, die den Raelians nahesteht, vor zehn Tagen behauptete, den ersten Menschen geklont zu haben, standen die Medien weltweit vor einer heiklen Entscheidung. Ignorieren ließ sich das Thema kaum. Aber wie ernst sollte man diesen angeblichen Coup nehmen? Beweise gab es nicht. Kein Bild des Babys, keine Namen der Eltern, keine DNA-Proben, keine medizinischen Unterlagen. Ob es Clonaid überhaupt gibt, weiß niemand. Weder sind Wissenschaftler bekannt, die dort arbeiten, noch hat je einer das Labor der selbst ernannten Menschenzüchter gesehen. Andererseits lässt sich, zumindest theoretisch, das Klonen von Menschen nicht ganz ausschließen. Folglich lag die Wahrscheinlichkeit, dass die Raelians tatsächlich eine Sensation vollbracht hatten, nicht bei null, sondern knapp darüber. Andererseits aber durfte es als sicher gelten, dass die Ufo-Sekte alle Mittel nutzt, um Reklame für sich zu machen. Die Medienverantwortlichen standen also vor einem Dilemma: Der großen Wahrscheinlichkeit, von Spinnern instrumentalisiert zu werden, stand die Mini-Wahrscheinlichkeit einer Sensation gegenüber. Was tun?

In den USA überwog bei den meisten seriösen Zeitungen die Skepsis. Weder die „New York Times“ noch die „Los Angeles Times“ platzierten die Geschichte auf ihrer ersten Seite. Sie hatten den Hype im Griff. Inzwischen erhärtet sich der Verdacht, dass die Raelians tatsächlich bloß blufften. Eine genetische Überprüfung lehnen sie ab, der amerikanische Journalist Michael Guillen, der von Clonaid ursprünglich zum unabhängigen Gutachter ernannt worden war, hat seinen Job quittiert und spricht von einem „groß angelegten Täuschungsmanöver“. Er verschweigt indes, wie stark er darin involviert war. Guillen hatte vorab fast allen großen US-Sendern – darunter ABC, NBC, CBS, Fox, CNN und HBO – die Klon-Geschichte exklusiv für mehr als 100000 Dollar angeboten. Über weitere Vermarktungs-Interessenten berichtete am Montag das „Wall Street Journal“. Der Artikel fängt ungewohnt süffisant mit der Frage an: „Psst. Want a piece of the hot baby-cloning story?“

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