Kultur : Heiliges Monster

Das Ding mit dem Ring: Der Choreograf Maurice Béjart wird 80

Sandra Luzina

Nietzsches Diktum „Verloren sei uns der Tag, wo nicht einmal getanzt wurde“ aus „Also sprach Zarathustra“ hat er seinen Memoiren als Lebensmotto vorangestellt. Der Choreograf Maurice Béjart, Sohn des französischen Philosophen Gaston Berger, feiert am 1. Januar seinen 80. Geburtstag – er tanzt schon lange nicht mehr selbst, doch er wird nicht müde, in seinen Werken den Geist des Tanzes zu beschwören. So in einer seiner letzten großen Schöpfungen „ Zarathustra. Das Lied vom Tanz“, die im November 2006 ihre Deutschlandpremiere bei den Ludwigshafener Festspielen erlebte und fast wie sein künstlerisches Vermächtnis anmutet.

Maurice Béjart ist einer der prägenden Choreografen des 20 Jahrhunderts – die Franzosen verehren ihn als monstre sacré, als heiliges Monster. Er hat zunächst Philosophie studiert, bis er sich ganz dem Tanz zuwandte. Als er 1955 in „Symphonie pour un homme seul“ zu den elektronischen Klängen von Pierre Henry und Pierre Schaeffer die Bühne betrat, ganz in schwarz, war der tanzende Existenzialist geboren. Der Mann in Schwarz ist er geblieben, ein großer Theatraliker und Mythomane, der zu Kitsch und Pathos neigt.

„Tanz ist die Kunst unseres Jahrhunderts“, proklamierte Maurice Bejart – er formte ihn zu einem „spectacle totale“. Mit dem 1960 in Brüssel gegründeten „Ballet du XXe siècle“ (Ballett des 20. Jahrhunderts) hat er Tanzgeschichte geschrieben. In seinen Ballett-Kreationen zielt er auf das Große, Ganze. Bei Béjart sah man tanzende Götter und Revolutionäre, er huldigte Philosophen und Popstars. Souverän, oft auch unbekümmert sein Zugriff auf Stile und Themen: Auf der Grundlage der danse d´école hat er sich die unterschiedlichen Tanzstile angeeignet.

Die Beschäftigung mit östlichen Musik- und Tanzformen zieht sich durch sein Werk. Seinem gewaltigen Oeuvre hat er zudem immer wieder Gestalten aus Mythologie, Pop und Geistesgeschichte einverleibt. Einen Ehrenplatz in Béjarts Pantheon gebührt Nietzsche und Wagner, Don Juan und Faust, Rimbaud und Malraux, aber auch Freddy Mercury.

Nachdem er im Sommer 1987 Brüssel mit großem Eklat verließ, ließ er sich in Lausanne nieder und benannte seine Compagnie in „Béjart Ballet Lausanne“ um. Béjarts Choreografien werden auch heute noch in Arenen gespielt vor Tausenden von Zuschauern. Sein großes Verdienst ist: ein breites Publikum für den Tanz zu begeistern. Sein „Ring um den Ring“, 1990 an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt, war noch einmal ein großer Wurf. Das Stück ist nach wie vor im Repertoire des Staatsballetts Berlin.

Seine einst so revolutionäre Bewegungssprache mutet zwar längst klassisch an. Aufregend sind aber immer noch die sexuellen Ambivalenzen. Der Mann tritt bei Béjart endgültig aus dem Schatten der Ballerina – und wird zu einer ungleich schillernderen Kreatur. Den „Bolero“, einen Tanz der Verführung, gestaltete Béjart in drei Variationen: einmal tanzt die Frau auf einem Tisch, umringt von Männern. Der unvergleichliche Jorge Donn, der früh verstorbene Lebensgefährte Béjarts, tanzte den „Boléro“ wahlweise vor Frauen oder in einem Kreis von Männern.

In der letzten Version taucht der „Boléro“ auch in Béjarts jüngster Kreation auf: Für „La vie de danseur“ hat der Altmeister aus seinen bedeutendsten Werken Szenen entnommen und umgestaltet. Béjart zeigt einen Kampf zwischen Eros und Thanatos. Dem Tod widersteht einzig der Tanz an sich - er wandelt sich unablässig, aber er hört nie auf.

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