Kultur : Heilsgewiss

Ökumenischer Start für das Berliner Musikfest

Frederik Hanssen

Ganz ohne Reden kommt am Freitag das Eröffnungskonzert zum „Musikfest Berlin 08“ aus. Wie angenehm. Hier spricht allein die Musik – und zwar ebenso ernst wie anregend. Mariss Jansons und das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam beginnen ihr schwergewichtiges Programm in der Philharmonie mit Messiaens „Hymne“ von 1932: Das Werk wird zum ökumenischen Ereignis: Protestantisch karg der Beginn, weiß getünchte Gotik; dann der Tutti-Einsatz, eine Farbexplosion, katholische Pracht von modernem Zuschnitt. Erneut evangelische Geigen, dann aber ist kein Halten mehr: Triangel, Fanfaren, Lourdes!

Was für ein dramaturgischer Kunstgriff, jetzt Francis Poulencs Orgelkonzert als contrepoint dagegen zu setzen: Jansons lässt hochseriös spielen und kitzelt gerade damit die Ironie heraus, wenn die Orgel (Solist: Leo van Doeselaar) braust, die Allerweltswendungen der Streicher arg frömmelnd oder übererregt daherkommen: Kirmes, Drehorgel, die mighty Wurlitzer des Knitopp, Pilgerkitsch.

Die Amsterdamer haben einen unverwechselbaren Sound, gleichzeitig kernig und samten, aufgeklärt und getragen von einem unerschütterlichen Selbstbewusstsein. Seit 2003 ist Mariss Jansons ihr Chefdirigent, zwischen den Musikern und dem Maestro hat sich eine symbiotische Beziehung aufgebaut. Sie ermöglicht, dass Jansons bei Bruckners 3. Sinfonie einen gigantischen Spannungsbogen über den 25-minütigen Eröffnungssatz spannt: Wie selbstverständlich ereignen sich die kompositorischen Ungeheuerlichkeiten, Jansons gleicht die Lautstärke-Extreme, das Orgelregisterartige der Brucknerschen Terrassendynamik aus, selbst die fallende Triole am Ende des Hauptthemas ist plötzlich nicht Absturz, sondern klar und fest. Lebenszugewandt strahlt auch das Adagio, fast zu heilsgewiss. In den letzten beiden Sätzen schließlich staunt man nur noch über die Klangdelikatesse dieses Orchesters. Frederik Hanssen

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