Kultur : Heilung und Heimat

Zukunft gestalten: Der Deutsche Architektentag in Dresden

von
Visionär. David Chipperfield erhielt für seinen Umbau des Neuen Museums in Berlin den Großen Staatspreis für Architektur. Foto: dpa
Visionär. David Chipperfield erhielt für seinen Umbau des Neuen Museums in Berlin den Großen Staatspreis für Architektur. Foto:...Foto: picture-alliance/ dpa

Wie lange hat man Peter-Klaus Schuster, den ehemaligen Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, nicht mehr reden hören. In Dresden war es am Donnerstagabend so weit. Schuster konnte seine Wortgirlanden flechten, zu Ehren des Architekten David Chipperfield, dem er zur Verleihung des Großen Staatspreises für Architektur die Laudatio hielt. Chipperfield, mittlerweile Sir David, erhielt den Preis für seinen Um- und Anbau des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel.

Ort der Preisverleihung war das Albertinum, ein Museumsgebäude, das der Berliner Baumeister Volker Staab mit einem spektakulären Dachaufsatz über dem zum Lichthof umgenutzten Innenhof gleichfalls ins Hier und Heute befördert hat. Das war der Jury der Bundesarchitektenkammer eine „Auszeichnung“ als nächsthöhere Kategorie wert. 228 Einsendungen von 188 Architekturbüros galt es zu sichten. Das Ergebnis hält jeder Prüfung stand. Chipperfield einmütig auf Platz Eins, dahinter Staab, Becker Architekten Kempten für das Wasserkraftwerk ihrer Heimatstadt, Florian Nagler (München) für das Besucherzentrum der KZ-Gedenkstätte Dachau, Wandel Hoefer Lorch +Hirsch (Saarbrücken) für das Jüdische Zentrum in München sowie das Berliner Büro Zanderroth für die Wohnanlage „BIGyard“ in Berlin.

Tags darauf wurde, zum ersten Mal seit unverständlich langen zehn Jahren, der Deutsche Architektentag in Dresden abgehalten, dieser im Deutschen Hygienemuseum aus dem Jahr 1930, den Peter Kulka rücksichtsvoll in der Sprache des neuen Bauens hergerichtet hat, derselbe Kulka, der auch das Dresdner Schloss der sächsischen Kurfürsten und Könige Abschnitt für Abschnitt wiederaufbaut und derzeit mit dem Potsdamer Stadtschloss beschäftigt ist. Der große Vortragssaal im Hygienemuseum war mit gut 450 Architekten gefüllt, die Themen wie die politische Verantwortung ihres Berufsstandes oder die erstarkte Rolle der Bürgerbeteiligung im Planungsprozess diskutierten. Am Festabend wie zu Beginn der Arbeitssitzung am Freitag sprach Bundesbau- und Verkehrsminister Peter Ramsauer, der sich vernehmlich darüber beklagte, stets nur als Verkehrslenker, nicht jedoch als Bauminister wahrgenommen zu werden. Was er indessen zur Architektur zu sagen wusste, bleibt weniger haften als die Tatsache, dass er es überhaupt und dann gleich zwei Mal tat.

Das war Balsam auf die Seele der in der Bundesarchitektenkammer organisierten Baumeister, die die Regie der Tagung unter dem Motto „Verantwortung gestalten“ durch ihren rheinisch-jovialen Präsidenten Sigurd Trommer sichtlich genossen. Und ebenso dessen ausgreifende Worte: „Wer soll denn der Gesellschaft Utopien und Visionen bereiten, wenn nicht wir?“ Sehr konkret die beiden Zielsetzungen, zum einen die HOAI, die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure, die Einkommensgrundlage für 124 600 in der Kammer organisierte Architekten „als wichtigste berufsständische Rahmenbedingung weiterzuentwickeln“. Zum anderen müsse „das Wettbewerbswesen gepflegt und gefördert werden“, es sei dies der beste Weg, „geeignete Planer ausfindig zu machen“. Trommer vergaß nicht, an den Nachwuchs zu appellieren, an Wettbewerben teilzunehmen. Und schloss mit dem rheinisch intonierten Ausruf: „Man muss Spaß an der Freud’ haben, die Zukunft zu gestalten!“

Dresden hat neue Baukunst in höchster Qualität zu bieten. So sieht es auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich, der sich zu einem Grußwort einfand und mit einer frei gehaltenen Rede beeindruckte, durchaus auch, weil er sich, ohne falsches Sentiment zur „Heimat“ bekannte. Da knüpfte er unbewusst an Kammerpräsident Trommer an, der das am Vorabend belobigte, restaurierte Bauernhaus des Münchner Architekten Peter Haimerl als Beispiel für die drängende Aufgabe heranzog, dem von „dramatischem Bevölkerungsrückgang“ gekennzeichneten „ländlichen Raum“ eine Zukunft zu sichern. „Von Komfort keine Spur“, so steht es in der Laudatio über den vorgefundenen Zustand des 170 Jahre alten Hauses: „Kein Wunder, dass die alten Bauernhäuser im Bayerischen Wald verschwinden.“

Über Restaurierung versus Neubau, über historische versus zeitgenössische Bauformen wurde in Dresden nicht gestritten, nicht mit einer einzigen Silbe. PKS hatte in seiner Chipperfield-Lobrede die „Begriffsakrobatik deutscher Denkmalpflege zwischen erlaubter Restaurierung und verbotener Renovierung“ aufgespießt und Sir David mit „healing the ruins“ zitiert. In Dresden sind etliche Ruinen eindrucksvoll geheilt worden, aber auf dieser Tagung auch mancher Riss in der Bundesarchitektenschaft.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben