Kultur : Heimat, deine roten Sterne Katrin Sass in der

„Bar jeder Vernunft“

Kerstin Decker

Katrin Sass singt? Das hat sie doch noch nie gemacht. „Fahrt ins Blaue“ heißt das Programm, ein „deutsch-deutscher Schlagerabend“. Nicht Liederabend. Nicht Chansonabend, nein, Schlagerabend. Das ist mutig. Mutig war sie schon immer. Wer sonst gäbe sich solche Blöße? Auch vor Blößen hatte Katrin Sass noch nie Angst. Sie war die Mutter in „Good Bye, Lenin“, die das Ende der DDR im Koma verschläft. Und dann wollte der Sohn ihrem schwachen Nachkoma-Herzen die neue Wirklichkeit nicht zumuten. Aber wer hätte gedacht, dass diese Frau es so ernst meint?

Sie trägt ein weißes Jackett und die Haare fast wie Mireille Mathieu. Diese unfassbare Schüttelfrisur. Zuerst glaubt man an einen Zufall. Bald weiß man, es ist keiner. Nach der ersten Viertelstunde ist klar: Für Katrin Sass muss die DDR Heimat gewesen sein. Also auch das gibt es. Und nicht nur, weil sie „Unsere Heimat, das sind nicht nur die Dörfer und Städte“ singt. Es ist dieses alte Pionierlied, bei dem wir früher die letzten drei Töne im makabren Ende nie gekriegt haben: „Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört,/ weil sie uns-er-em Vol-ke ge- hört“. „-ke ge-hört“ – da lag die Schwierigkeit, das ging plötzlich so hoch. Sie schafft die Töne mühelos. Ein Schlager ist das nicht direkt, überlegt die Frau auf der Bühne, mehr ein Volkslied. Jawohl, ein Volkslied, wiederholt sie und schaut widerständlerisch ins Halbdunkel der „Bar jeder Vernunft“. Danach kommt Nina Hagens „Du hast den Farbfilm vergessen“, aber mit neuem Text: „Ihr hattet DM und wir war’n reich.“ Singt es mitten in Charlottenburg. Was ist das? Entweder wir sitzen im falschen Film oder das ist hier Comedy. Bestimmt ist es das. So wie jeder Schlager schon von selbst in seine eigene Parodie übergeht.

Überhaupt, wer nimmt Schlager ernst? Katrin Sass? Denn nach einer Viertelstunde weiß man noch etwas anderes. Diese Frau kann singen. Ihre schöne erotisch-raue Stimme ist zu glockenklarer Schlagersüßigkeit fähig. Wäre sie nicht Schauspielerin geworden, sie hätte Schlagersängerin werden müssen. Sie singt „Ein bisschen Frieden“, Frank Schöbels „Wie ein Stern in einer Sommernacht“, „Marmor, Stein und Eisen bricht“ und was das deutsche Nachkriegsliedgut noch an Prüfungen bereithält. Vom ersten Westgeld (nach dem Berlinale-Bären für „Bürgschaft für ein Jahr“, 1982) kaufte sie sich eine Platte von Udo. Jürgens, nicht Lindenberg. Der Unterschied von Ost und West ist ein Oberflächenkratzer gegen den Ozeangraben zwischen beiden Udos. Aber auch wer den deutschen Schlager für eine Form schwerer Körperverletzung hält, kann Katrin Sass zuhören. Denn sie gibt jedem Schlager, was ihm gebührt: das Letzte. 40 Jahre, sagt sie, habe sie für diesen Abend geübt. Es hat sich gelohnt. Irgendwie.

Bar jeder Vernunft, bis 24. September

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