Kultur : Heimat für irrende Menschen

PERFORMANCE

Christian Kässer

Odysseus ist überall. Der Mann, den es eigentlich nur an einen Ort zog, in die Arme seiner treuen Gattin Penelope, ist heute ubiquitär geworden in seinem Suchen, seinem unendlichen Verschlagensein; zum Symbol des postmodernen Menschen scheint er wie kein anderer zu taugen. Es ist daher ein so notwendiger wie verzweifelter Akt der Irrfahrtenbegrenzung, wenn die Lose Combo Odysseus’ Welt auf Berlin begrenzt, wenn seine Reise nur bis zur Landshuter Allee führt oder wenn Polyphem einen Lichtenberger U-Bahn-Tunnel bewohnt. Beide Lokalitäten zeigen sofort, wie vergeblich das Unterfangen ist – sind doch Straßen wie U-BahnTrassen Wege und nicht Orte, an denen man Station macht. Wo jedoch gibt es Halt oder Möglichkeit zum Ruhen zwischen den erratisch im Auditorium des Podewils aufgestellten Mauerfragmenten, die wieder bloß Sinnbild fürs Suchen sind, diesmal in seiner archäologischen Form? Bei Homer ist es eine einzelne Planke, an die sich Odysseus am Ende seiner Irrfahrten klammert. Doch auch das ist dem Berliner Odysseus nicht mehr möglich: Einzig an seinen Büchern kann er sich halten, den Bericht seiner Irrfahrten, in denen er „Belege für seine Flucht sucht“, wie es aus dem Off tönt. Und dies ist nicht die einzige so geistreiche wie bedenkenswerte Anspielung an diesem herausragend konzipierten Abend, der noch bis Sonnabend wiederholt wird. Und der schließlich doch sein Einhalten findet: in der Musik John Cages nämlich, dessen Streichquartett „Four6“ im Anschluss an die Odyssee-Performance erklingt, und allen (Be-)suchern in seinem dürren Netz fahler Klänge Momente der Ruhe gewährt.

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