Kultur : Heimat in der Diaspora

Im Jüdischen Museum: jüdische Welt-Architektur

Falk Jaeger

Zvi Hecker mit der Heinz-Galinski- Schule und Daniel Libeskind mit dem Jüdischen Museum haben in Berlin expressive, symbolbeladene Bauwerke errichtet, die das Bild von jüdischer Architektur, so es von Synagogen in byzantinischem oder neoromanischem Stil geprägt war, gründlich aus den Fugen geraten ließen. Zumindest hier, auf historisch belastetem Boden, greifen jüdische Architekten zur Formsprache des Gebrochenen.

Daraus eine „jüdische Identität in der zeitgenössischen Architektur“ abzuleiten, wie es der Katalogtitel einer Ausstellung im Jüdischen Museum jetzt suggeriert, greift ins Leere. Sie gibt es offenbar so nicht. Adolf Grischanitz hat in Wien zwei Schulen in streng rationalistisch-minimalistischen Formen gebaut, rabenschwarz gestrichen die eine, blendend- weiß die andere. Frank O. Gehry plant in Jerusalem ein Ensemble, das aussieht wie das Chaos im Kinderzimmer, gekrönt von einer Art Geburtstagstorte, die von weitem dem muslimischen Felsendom Konkurrenz macht – Museum der Toleranz heißt es und wird recht viel von eben dieser beanspruchen. Dagegen die wunderbaren und erheblich gelassener auftretenden Synagogen von Mario Botta in Tel Aviv oder von Wandel Hoefer Lorch + Hirsch in Dresden oder München, denen es gelingt, jüdische Symbolik würdig in architektonische Motive umzusetzen.

Die aus Amsterdam gekommene und noch nach Wien, München, Tel Aviv und andere Orte wandernde Ausstellung präsentiert in Plänen, Modellen und zum Teil monumentalen Fotos 16 Museen, Synagogen, Schulen und Gedenkstätten, die weniger jüdische, als vielmehr weltweit gängige Gegenwartsarchitektur repräsentieren. Jüdisch ist der Gebrauch, sind die Attribute, sind hier und da Zitate wie Tempel und Zelt, das aufgeschlagene Buch oder, bei einer Synagoge im Wüstenklima Arizonas, ein an die Klagemauer erinnernder Wandaufbau.

Doch gerade an der Synagoge in Scottsdale, Arizona, einer ummauerten, wehrdorfartigen Anlage mit einer kleinen Allee zwischen Betsaal, Klassenräumen, Gemeindesaal und Büros, wird deutlich, was jüdische Gemeindezentren eigentlich immer sind: Heimat in der Diaspora, Vertrautheit in einer nicht immer wohlgesonnenen Umwelt, Sicherheit in einer latent bedrohten Existenz. Mit ihrem umfassenden Angebot an Bildung, Kultur, als Sozialstation und Restaurant sind die jüdischen Gemeindezentren auch Orte der Abgrenzung, der Desintegration. Doch zunehmend zeigen jüdische Bauten in vielen Teilen der Welt ein neues Selbstbewusstsein. Sie treten als Fanale ins Stadtbild, entfalten skulpturale Kraft und melden ihren Anspruch an, im städtischen Gemeinwesen eine Rolle zu spielen.

In Berlin wurde die Auswahl um Daniel Libeskinds Projekt der Überdachung des Hofs im Altbau des Jüdischen Museums ergänzt. Sie ist als Sukkah gedacht, als Ort des Laubhüttenfestes, und deshalb mit Stahlstützen in Form stilisierter Bäume ausgestattet. Das skurrile Geäst und die gezackte Glasfassade verraten deutlich die Handschrift des Architekten. Noch werden Spenden gesammelt, noch wird Fundraising betrieben für die für größere Fundraising-Veranstaltungen benötigte Halle.

Jüdisches Museum (Lindenstr. 9-14) bis 29. Mai; Vorträge von Zvi Hecker am 17. März sowie Moshe Safdie am 11. Mai. Katalog im Prestel Verlag, 29,95 €.

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