Kultur : Heimat ist immer anderswo

Joachim Schlör

Die Forscher-Generation, der weder Mut noch Distanz fehlen, dieses ethnologische Feld genau unter die Lupe zu nehmen, ist wohl noch nicht geboren. Ein Journalist kritisiert in der "FAZ" den Moderationsstil Michel Friedmans und wird von Henryk Broder mit dem Antisemitismusverdacht abgestraft. Ignatz Bubis sitzt mit versteinertem Gesicht in der Paulskirche, während Zuhörer ringsum Martin Walsers Lob des Wegsehens feiern - und muss sich später, als Replik auf seine Kritik, durch Herrn v. Dohnanyi über das Leid belehren lassen, "heute ein solcher Deutscher zu sein". Israels Präsident Weizmann kritisiert Juden, die in Deutschland leben, die rechte Presse feixt. Wespennester überall. Man nennt das: deutsch-jüdisches Verhältnis. Und selbst diese Bezeichnung scheint den Linienrichtern der political german correctness nicht ganz in Ordnung.

Mit den Strategien der Vermeidung sind wir aufgewachsen. Moralische Kommissare auf allen Seiten. Wer sagt, dass dieses Mahnmal überflüssig ist? Jenes jüdische Museum didaktisch und kulturpolitisch verunglückt? Die falschen Freunde. Zwar verbreitet sich seit der Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin - und im Blick auf die absehbare Fertigstellung des "Denkmals für die ermordeten Juden Europas" - die Idee, nun sei es vorbei mit der Unruhe in den deutsch-jüdischen Beziehungen, die rastlose Debatte über Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur habe ihre Orte gefunden. Viele scheinen froh darüber zu sein: Wer etwas zum Thema erfahren will, den Nachwuchs, die Schüler, ausländische Gäste - an diese Fixpunkte kann man sie alle schicken. Und doch scheint es mit solcher einer Ver-Ortung, Musealisierung, Sakralisierung keineswegs getan. Die Unruhe ist ja noch da, wer bringt sie auf den Punkt? Wo werden Fragen formuliert, die jenseits der Museen und Denkmäler gestellt werden müssen?

Das Café Tamar in der Tel-Aviver Sheinkin-Straße gehört zu den Orten der Erinnerung an die glückseligen Regierungszeiten der israelischen Arbeitspartei; Sarah, die Wirtin, serviert Bagele und Kaffee verkehrt stets unter Einschluss von Invektiven gegen die Herren Netanjahu und Sharon, das schluckt man gerne mit. Aber an diesen ungewöhnlich unbequemen Tischen und Stühlen wird auch über Deutschland verhandelt. Es ist unerklärlich, wieso die deutsche Debatte über das deutsch-jüdische Verhältnis immer noch am "Lokal" Deutschland festhält, ohne osteuropäische, westeuropäische, US-amerikanische und eben israelische Debatten wahrzunehmen. Berlin "gehört" dieses Thema längst nicht mehr. Berlin ist anderswo. Jenes Berlin, dem wir hier so sehnsüchtig hinterherdenken und -schreiben, ist nicht mehr bei uns; was nicht bedeutet, dass es nirgends wäre. "Berlin" lebt im Café Tamar. Dort sitzt Yoram Kaniuk, jeden Tag.

Kaniuk hat sich mit Deutschland abgemüht wie kein deutscher Schriftsteller mit Israel. Ein Spezialist des deutsch-jüdischen Verhältnisses in Israel - sind das nicht zwei Baustellen? Dies ist eine der Fragen, die er in seinem neuen Buch anspricht. Der Israeli bezeichnet sich da als den "letzten Berliner". Wenn wir seinen Anspruch für einen Moment ernst nehmen, hieße das: Es gibt außer Kaniuk keine Berliner mehr. Es gibt womöglich Berlin nicht mehr. Außer vielleicht im Café Tamar. Ist das, angesichts der Berlin-Euphorie der letzten Jahre, ein schöner oder eher kein schöner Gedanke? Er setzt voraus, dass die wirkliche Erinnerung - nicht die der Artefakte, der Betonstelen - am historischen Ort kaum noch lebt, bei wenigen Menschen nur. Sie ist vertrieben worden.

Vielleicht vermissen wir, was fehlt

Es gehört zu den wundersamsten Geschichten in dieser Vertreibungs- und Erinnerungsgeschichte, dass sich einer wie Kaniuk, geboren 1930 in Tel-Aviv, mit dem verfluchten, vom Fluch nur zögernd befreiten Deutschland und Berlin befasst: unaufhörlich, ungeduldig, ohne Antwort. Offenbar hat er dort, im anderen Land, etwas mitbekommen, das wir hier nicht mehr haben. Vielleicht vermissen wir "es" oder sind dabei, es in romantisierenden Inszenierungen zu ersetzen; das Surrogat ist doch, so scheint mir eine der Botschaften des Jüdischen Museums zu lauten, schön genug. Was dennoch fehlt, in den alltäglichen Inszenierungen einer neuen deutsch-jüdischen Kultur - in den Museen, Stadtführungen, Klezmer-Festivals, in den Kulturtagen, den Studiengängen; wer immer sie produziert, ob "innerhalb" oder "außerhalb" der Gemeinde - was fehlt in dem ehrenwerten Revival-Betrieb, kann ein Dichter zwar nicht ersetzen.

Aber auf die Fehlstellen weist er hin. Nach den Motiven der Unruhe fragt er. Manche Motive betreffen allein die jüdische Gemeinschaft, andere die nichtjüdische Gesellschaft Deutschlands: von außen betrachtet. Doch diese Trennung ist künstlich, wie die Rede von "Mehrheit" und "Minderheit" als sich ausschließenden Teilsummen. Die Minderheit ist ja Teil der Mehrheit, nicht ihr Gegenstück. Wer sich, als Angehöriger einer jüdischen Gemeinde, um die Sicherheit seiner Kinder, um die soziale Fürsorge sorgt, empfindet deshalb nicht weniger Interesse an Themen, die die ganze Gesellschaft angehen.

Die komische Welt der Verkrampfungen

Der Schriftsteller Kaniuk hat eine Geschichte entwickelt, die den Problemen hinter der Unruhe auf poetischem Weg näher kommt als jeder politische Essay. Der erste dieser untergründigen Problemkreise dreht sich um die Frage, ob es möglich oder zulässig oder wünschenswert ist, dass Juden überhaupt in Deutschland leben; der zweite Problemkreis behandelt die Existenz des Staates Israel und daraus entstehende Folgen. Ist eine Politik zur Bewahrung dieser Heimat(en) nur die Aufgabe der deutschen Juden - oder der gesamten Gesellschaft? Zögernd öffnet sich die wissenschaftliche Debatte bislang solchen Fragen, der öffentliche Diskurs hält sich noch mehr zurück.

Kaniuks Geschichte handelt von einem Mann namens Gustav Vierundzwanzig, der vielleicht irgendwo im Schwarzwald aufgewachsen ist, vielleicht einer Walfängerfamilie entstammt - und am 28. November 1939 von Berlin nach Palästina emigrierte. Seinem Enkel Uri berichtet der Alte Vierundzwanzig vom Leben "dort", in Europa, auf ganz besondere Weise: "Der Großvater hatte ihn gelehrt, wie Berlin am 28. November 1939 aussah, dem Tag, an dem er die Stadt verließ. Die Momentaufnahme der Stadt hatte sich seinem Bewußtsein unauslöschlich eingeprägt, und so gab er sie an seinen Enkel weiter, und der Enkel hatte Freude an dem Spiel und glaubte, er lernte bei dem Spiel eine Stadt kennen, die gar nicht existierte. Er kannte die Straßen, Geschäfte, Cafés und Parks, die Namen der Tabakläden, die Spitznamen der Bäcker. Er wußte, wie man von der Ecke Kurfürstendamm-Leibnizstraße zum Savigny-Platz kommt."

Weiter wird erzählt, wie der Junge beschließt, dem Großvater zuliebe nach Berlin zu fahren, "als lebender Plan einer heute so nicht mehr existierenden Stadt", und die Berlin-Pläne von 1939 und von heute nebeneinander, übereinander zu legen, zu vergleichen. Eine poetische Konstruktion. Sie enthält aber eine Wahrheit, zu der andere Notizen, Beispiele, Geschichten in "Der letzte Berliner" Varianten hinzufügen: Erinnern und Vergessen, Deutschland, Israel, Antisemitismus und Israel-Kritik - die ganze Welt der Verkrampfungen, Missverständnisse, der Zuschreibungen und Ängste ist präsent, im Mosaik einer zwanzigjährigen Beziehung zu Deutschland. Die meisten Geschichten sind entsetzlich komisch. Die Gabe, darüber lachen zu können, fehlt uns wohl am meisten. So hat gerade eine Buchhändlerin, die Kaniuk in seinem Buch immerhin als "die jüdische Prinzessin von Deutschland" rühmt, alle Lesungen mit dem Autor abgesagt. Er habe sie falsch zitiert mit der Aussage: "Faktisch gibt es ja kaum Juden in Deutschland. Wenn die wenigen Juden Ärger machen, kann das Versailles-Syndrom wieder auftreten. Dann bilden die Deutschen sich wieder ein, dass die ganze Welt gegen sie ist, und wenn die ganze Welt gegen Deutschland ist, sind die Juden, ganz gleich wie viele es sind, wieder die Zielscheibe für deutsche Aggression." Wieviel Stirn braucht man in der so genannten Berliner Republik, um so etwas zu sagen?

Der Dichter aus Tel Aviv aber blickt auf Berlin, das neue Berlin, und ärgert sich darüber und beneidet seinen Vater "um das Berlin von einst". Auch er ist ein Enkel, wie Uri Vierundzwanzig, auch er hat beim ersten Besuch "das seltsame Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein" und den Weg zum Savignyplatz zu kennen. Vielleicht besser als wir.

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