Kultur : Heimatgefühle

Thea Herold

entdeckt in zwei Ausstellungen den Reiz des Vergangenen Ein auf Novitäten ausgerichtetes Auge sieht über Offerten wie „Ansichten um Berlin um 1875“ wahrscheinlich locker hinweg. Dabei erinnern die Arbeiten in der Galerie Berinson (Auguststraße 22, bis 3. November) nur auf den ersten Blick an jene historischen Ansichtskarten, die Großmutters Generation der Verwandtschaft in die Provinz schickte: vom Zeughaus, dem Opernplatz oder dem Denkmal von Friedrich dem Großen. Für Liebhaber dieser Stadt entwickeln sie sich dagegen zum Augenschmaus. Berinson präsentiert 25 Originalabzüge aus dem Bestand des einstigen Berliner „Photoateliers Panckow“. Die ausgewählten Aufnahmen summieren sich zur Chronik der Neu- und Umbauten jener Jahre, zur kleinen Galerie von privaten und öffentlichen Prachtadressen in einer aufblühenden Millionenstadt. Nicht nur der Zeitsprung ist daran interessant. Damals waren es Auftragsarbeiten, bestes Handwerk, aber keine Kunst. Heute übernehmen die Albuminabzüge auf Karton die Aufgabe kunstvoller Zeitzeugenschaft, werden für Konservatoren interessant, schließen Lücken für Bauhistoriker und haben ihren Preis: 3500 Euro. Zumal der größte Teil der Grünanlagen, Fassaden und Brücken durch das Jahrhundert der Kriege zerstört wurde. Schon deshalb verspricht der Katalog zur Ausstellung ein Dokument zu werden (10 Euro).

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Nur ein paar Häuser weiter hängen Heimatbilder anderer Art. Arkadij Schaichet war Fotoreporter in Sowjetrussland. International berühmt wurde er mit Alltagsszenen, die er in den Zwanzigern und Dreißigern kontrastreich in SchwarzWeiß und in kühnen Bildausschnitten propagandagetreu dokumentierte. Heute zählen diese Motive zur Fotogeschichte und rühren dennoch – zumindest im Osten – auch an persönliche Erinnerungen: Das Motiv von „Lenins Lämpchen“ etwa, die Partisanin im Dublonka-Pelz, sibirische Nomaden bei der Lesestunde in einer Jurte. Da ist die Fallschirmspringerin mit Flugzeug zu sehen, der Eisenbahnbauer mit Tjubeteijka, die Soldaten im Schnee. Unverwechselbar sind auch seine Moskauer Fassadenbilder, der Rote Platz und das Bolschoi-Theater. Freilich: Bei Imago Fotokunst (Auguststraße 29c, bis 13. November) sind „Modern Prints“ ausgestellt (je 400–500 Euro). Die Negative und Vintages der berühmten Bilder hüten die Erben in Moskau. Aber die Entfernung zwischen Berlin und Moskau ist bisweilen viel kleiner, als man denkt.

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