Kultur : Heimatklänge

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Seit Eröffnung des neuen Hauses im Jahr 1961 gehört die Amerikanerin Catherine Gayer zum Ensemble der Deutschen Oper. Noch im selben Jahr sang die gerade 24-Jährige in Venedig in der Uraufführung von Luigi Nonos „Intolleranza“, ein Jahr später debütierte sie als Königin der Nacht in Covent Garden. Dass sie in München, Amsterdam, Florenz und Mailand auftrat, war bald eine Selbstverständlichkeit. Doch West-Berlin wurde in jeder Beziehung Heimat für die Kalifornierin. Hier lebte ihre Familie, hier ging ihr Sohn, der spätere Komponist Danny Ashkenasi, zur Schule. Hier, in der Deutschen Oper, sang sie ihr breites Rollenrepertoire von Mozarts Cherubino bis zur Marie in Zimmermanns „Soldaten“. Hier machte sie sich einen n als experimentierfreudige Sängerin.

Ihre letzte große Uraufführungsrolle in Berlin war die Lady Astor in Sieberts „Untergang der Titanic“ 1979. Drei Jahre später übernahm Götz Friedrich die Intendanz in der Bismarckstraße, ein großer Einschnitt in Catherine Gayers Karriere. Die großen Rollen ihres Fachs bekam sie kaum noch zu singen. Lulu beispielsweise wurde zur Vorzeigerolle von Götz Friedrichs Gattin Karan Armstrong, hier war kein Platz mehr für Catherine Gayer.

Diese Vernachlässigung hat die überzeugte Ensemblekünstlerin tief gekränkt. Trotzdem hielt sie dem Haus, an dem sie 28 Jahre lang glücklich war, die Treue, nun in der zweiten Reihe, und gestaltete doch immer wieder mit großer Hingabe ihre Partien. Mit einem ausverkauften Liederabend nahm Catherine Gayer am Mittwoch Abschied von ihrem Haus. Uwe Friedrich

Ganz so lange wie Catherine Gayer gehörte Kaja Borris nicht zum Solistenensemble der Deutschen Oper Berlin. Bei ihr sind es „nur“ 30 Jahre im Gegensatz zu den 41 Spielzeiten der Kollegin, und ganz so weit vorne stand sie auch selten an der Rampe. Aber auf Titelpartien war die in Den Haag geborene und in Berlin aufgewachsene Mezzosopranistin auch nie wirklich erpicht. Statt Carmen und Kundry sang sie lieber die mittleren und kleineren Rollen – das aber mit vollem Engagement von der ersten bis zur letzten Minute.

So wurde Kaja Borris gewissermaßen aus dem Hintergrund eine große Stütze des Hauses. Jeder, der regelmäßig in die Bismarckstraße geht, hat ihren Namen seit 1972 immer wieder auf den Besetzungszetteln gelesen, in den unterschiedlichsten Inszenierungen und Rollen erlebt. Natürlich als Azucena im „Trovatore“ oder als Ulrica im „Maskenball“, als Mary im „Fliegenden Holländer“, als Mrs. Quickly im „Falstaff“ oder auch als Marthe Schwerdtlein in einem ziemlich kurzen Rock in John Dews fetziger „Faust“-Inszenierung.

Über 55 Rollen hat Kaja Borris an der Deutschen Oper gesungen. Die kauzigen, komischen Figuren lagen ihr stets besonders, doch auch in den ernsten Stücken bleibt sie in Erinnerung: Besonders berührend und zart war in der Bismarckstraße noch ganz zuletzt ihre Amme Filipjewna in Götz Friedrichs „Eugen Onegin“-Inszenierung. Da spielte sie eine kleine, gut gepolsterte Frau, bei der man wunderbaren Trost finden kann, wenn der Liebeskummer einmal das Herz gar zu sehr zusammenschnürt. Frederik Hanssen

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