Heimatkunde : Neue Künstlergeneration erobert Berlin

Sie haben genug von "Immigrantenausstellungen" – türkische Künstler in Museen und Galerien.

Julia Boeck

„Türkische Kunst gibt es gar nicht!“ Nezaket Ekici kneift die großen braunen Augen zusammen. Dann fügt sie hinzu: „Ich bin türkischer Herkunft und habe einen deutschen Pass.“ In die Ethnoschiene möchte die ehemalige Meisterschülerin nicht gedrängt werden. Als ihre Familie in den siebziger Jahren aus Kirsehir in Anatolien nach Duisburg zog, war Nezaket drei Jahre alt. Heute lebt sie in Berlin, ihr Atelier befindet sich in einer Dachstube über den Sophiensälen, doch anzutreffen ist sie hier selten.

Nezaket Ekici sorgt weltweit für Aufsehen. Ihren türkischen Landsleuten gilt sie als Mutter der Performance. Bestürzung löste sie 2006 aus, als sie in einem ausgedienten Istanbuler Frauengefängnis „Atropos“ aufführte, eine Arbeit, in der ihre langen schwarzen Haare zu hundert langen Seilen in alle Richtungen bis unter die Decke gespannt wurden. Milimeterweise kämpfte Ekici mit ruckartigen Bewegungen für ihre Freiheit. Zuletzt durchtrennte sie, wie die griechische Schicksalsgöttin Atropos, einige der Haarfesseln mit einer großen Metallschere. Eine qualvolle Stunde, bei der Menschen in Tränen ausbrachen, andere den Raum verließen.

Wie sehr Konventionen einen fesseln, wollte die Deutschtürkin auch mit ihrer Performance „No pork but pick“ veranschaulichen. Drei Jahre lang mühte sie sich vergebens, wurde von Ausstellungsmachern abgewiesen. Anstoß erregt, dass Ekici sich, in einen Tschador gekleidet, einen fünf Quadratmeter großen Strohkäfig mit einem Schwein teilt. Dem „unreinen Tier”. Nach islamischem Glauben ein Tabubruch sondergleichen, doch als böswillige Provokation versteht die Künstlerin ihre Arbeit nicht. Vielmehr interessierte sie die unmittelbare Begegnung mit dem Schwein, vor dem sie sich durch Kleidung und Handschuhe schützt: „Wenn du von klein auf anerzogen bekommst, dass das Tier schlecht ist, entwickelst du eine Abwehrhaltung“, sagt sie. „Ich wollte wissen, ob das Schwein wirklich so schlimm ist.“

Nezaket Ekici steht für eine neue Künstlergeneration, die Berliner Museen und Galerien erobert. Ihre Eltern stammen aus der Türkei. Sie selbst kamen als Migrationskinder in den Siebzigern oder später als Kunststipendiaten nach Deutschland. Doch mit der Frage, welche Bedeutung die türkische Herkunft für ihre Kunst habe, darf man einem wie Nasan Tur nicht kommen. In seiner Wohnung in Prenzlauer Berg serviert er türkischen Mokka in kleinen Tässchen. Wie aus dem Bilderbuch, würzig und stark. Doch das Orientflair verfliegt, wenn Tur über die Türkei spricht, die er nur aus Kindheitserinnerungen an die Sommerferien kennt.

Turs Geschichte beginnt vielmehr in Offenbach. Hier kommt er 1974 zur Welt, hier studiert er Kunst und Design, bevor er später an die Städelschule in Frankfurt wechselt, wo er Schüler der türkischen Bildhauerin Ayse Erkmen wird. Doch auch seine Karriere beginnt im Ausland. In Deutschland finden seine Arbeiten zunächst nur wenig Beachtung. „Und wenn doch, dann für so komische Immigrantenausstellungen“, sagt der Mann mit den kurzen, braungelockten Haaren. Da sagt er meist ab. Die Ideen von „türkischer Kunst“ in vielen Köpfen passen nicht zu einer Videoinstallation wie „Collective Notice“. Aus dem Nichts bauen sich auf dem Bildschirm die Gesichter von zehn Menschen auf, die heute wegen politischer Aktivitäten als vermisst gelten.

Nasan Tur mag Experimente. Situationen, die offenbleiben, bei denen man keinen Einfluss darauf hat, was passieren wird. In der Installation „Was ich euch schon immer sagen wollte“ wird er zum Verhaltensforscher. Auf dem Balkon des Nassauischen Kunstvereins in Wiesbaden installierte er eine auf die Straße gerichtete Mikrofonanlage, konfrontierte die Ausstellungsbesucher mit der Entscheidung, sich abzuwenden oder öffentlich das Wort zu ergreifen.

„Ich schöpfe aus einem Schatz von mindestens zwei Kulturen“, sagt Nevin Aladag über die Bedeutung ihrer türkischen Herkunft. Auch sie arbeitet viel mit der Videokamera, kombiniert spielerisch Tanz und Musik als Ausdrucksformen subkultureller Interaktion und Identität. Humor ist ihr Weg, Gegensätze zu überwinden. Da kreist Familienvater Cengiz Tezcan in der Videoarbeit „Familie Tezcan“ zu hämmernden Beats kopfüber auf dem Parkettboden. Seine Frau Guley singt ein türkisches Volkslied, die älteste Tochter einen Hit von Britney Spears. Zusammen tanzen sie Breakdance, denn Vater Cengiz ist Tanzlehrer.

Aladag bedient hier Klischees, um sie zu brechen. Es entsteht das Porträt der fünfköpfigen Familie, die, als Nachfahren türkischer Gastarbeiter, ein fröhliches Leben zwischen türkisch-arabischer Folklore, amerikanischer Popkultur und deutschem Alltag führt. Als die eigene Familie 1973 aus Van, einer türkischen Provinzhauptstadt an der Grenze zum Iran, nach Stuttgart kommt, ist Nevin Aladag ein Jahr alt. „Eigentlich habe ich die Heimat meiner Eltern erst durch meine Kunst kennengelernt“, sagt die zierliche Bildhauerin, die ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München absolvierte. Heute lebt sie in Berlin. Aus naheliegenden Gründen. Auch sie schätzt das kulturelle Verständnis der Stadt, schwärmt für die Nischen unkonventioneller Projekträume, die andere Metropolen längst verloren haben.

Wenn Esra Ersen an einen neuen Ort kommt, sucht sie die intensive Begegnung. Sie verbringt viel Zeit mit den Menschen auf der Straße, versucht ihnen nahe zu kommen, baut Freundschaften auf. „Mich interessiert das Potenzial der Leute, das sichtbar wird, wenn sie sich langsam öffnen“, sagt die 1970 in Ankara geborene und aufgewachsene Künstlerin, die Kunst an der Marmara-Universität in Istanbul studierte. Oft ist es nur ein Schlüsselmoment und Ersen findet eine Idee für ihre Arbeit, die in einem langen Prozess aus vielen einzelnen Bausteinen entsteht. An einer Videoinstallation über Einwanderer in einem ehemaligen schwedischen Arbeiterbezirk in Malmö arbeitete sie zwei Jahre lang.

„Schuhe aus!“ Esra Ersen deutet auf den weißen Holzdielenboden ihrer schick eingerichteten Altbauwohnung in Berlin-Neukölln. Seit 2006 lebt sie hier. Nicht einfach für die Künstlerin, die als „Artist in Residence“ zehn Jahre lang ein Nomadenleben führte, ihre Videoinstallationen, Fotografien und Performances weltweit in verschiedenen Ländern realisierte. Ihr künstlerisches Interesse gilt den marginalen Gruppen einer Gesellschaft, ihrer Identität und Sprache, dem Thema der Migration und urbanen Prozessen. In der Videoinstallation „Perfect / Growing Older (Dis)Gracefully“ überträgt Ersen die radikale Erneuerung der Stadt Liverpool auf das Aussehen einer alteingesessenen Bewohnerin der Stadt. In einem aufwendigen „Make-over“ lässt Ersen die 73-jährige Frau komplett umstylen und zeigt, wie sie durch die neu gewonnene Attraktivität eine neue Identität entwickelt.

„Reisende“ lautet der Titel ihrer neuesten Videoarbeit, die sie für ihre erste große Einzelausstellung in Berlin in der Galerie Tanas entwickelte. Ihre Reisenden, das sind türkische Frauen, die seit mehr als dreißig Jahren in Istanbul lebten, ohne jemals den Bosporus gesehen zu haben. Esra Ersen nimmt sie mit auf eine Busreise und zeigt ihnen das Meer.

Esra Ersen, „Reisende“, Galerie Tanas (Heidestraße 50), bis 28. November, Di–Sa 11-18 Uhr.

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